Auf, süß entzückende Gewalt

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Das Werk

Dies ist eine Kantate von Johann Christoph Gottsched,[1] komponiert von Johann Sebastian Bach zur Hochzeit von Peter Hohmann von Hohental und Christiane Sibylla Mencke am 27. November 1725 in Leipzig.

Die Musik der Kantate ist nicht erhalten. Erthalten sind die Arien Nr. 3 „Entfernet euch ihr kalten Herzen“ als Urbild für „Ach bleibe doch, mein liebstes Leben“ bzw. „Agnus Dei“ der h-moll Messe und Nr. 5 „Unschuld, Kleinod reiner Seelen“ = „Jesu, deine Gnadenblicke“ beides Himmelfahrtsoratorium.[2]

Text des Werks

Aria „Die Natur“

Auf, süß-entzückende Gewalt,
die du aus Gottes Hand entspringest
und alles, was ich bin, durchdringest.

Komm, zeige dich, in lieblicher Gestalt,
auf, süß-entzückende Gewalt!

Recitativo „Die Natur“

In allem, was der Bau der Welt
in ungezählten Himmels-Kreisen
vor seines Schöpfers Augen stellt;
in allen Tieren, die das Feld,
Luft, Erde, Wald und Wasser in sich hält,
ja selbst in Bäumen, Stein und Eisen,
zeigt sich die ungeschwächte Kraft
der allerstärksten Leidenschaft.
Wer merkt nicht überall die Liebe,
wer spürt nicht, daß durch ihre Triebe
das ganze Welt-Gebau besteht?
Denn daß es noch bisher nicht gar zu Grunde geht,
das macht der Liebe festes Band,
sie hemmet ganz allein der Sachen Unbestand.

Aria „Die Natur“

Entfernet euch, ihr kalten Herzen,
entfernet euch, ich bin euch feind.

Wer nicht der Liebe Platz will geben,
der flieht sein Glück, der haßt das Leben
und ist der ärgesten Torheit Freund.
Ihr wählt euch selber nichts als Schmertzen!

Recitativo „Die Schamhaftigkeit“

Wie das, o gütige Natur,
soll ich denn auch zur Liebes-Fahne schwören,
soll ich denn auch die stille Lockung hören,
die deine Kraft in mir erregt?
Ach nein, Natur, ach nein,
die Liebe kann kein Kind der wahren Tugend sein,
ach nein, ich glaub es nicht!
Ich fühle, daß das Herz mir schlägt,
das warme Blut errötet meine Wangen,
wenn man zu mir vom Lieben spricht.
Ich fühle zwar ein heimliches Verlangen,
doch deckt es sich mit steter Blödigkeit.[3]
Ich fürchte stets der Frechheit Netze,
und sorge, daß nicht mit der Zeit,
die wachsende Verwegenheit
die Regeln Göttlicher Gesetze,
durch diesen schlauen Trieb verletze.
Drum weg damit, ich höre nicht,
was die Natur vom Lieben spricht.

Aria „Die Schamhaftigkeit“

Unschuld, Kleinod reiner Seelen,
Schmücke mich durch deine Pracht!

Keine Laster, keine Flecken,
sollen mir das Lilienkleid
unberührter Reinigkeit
durch der Liebe Schmutz bedecken,
der auch Schnee zu Tinte macht.

Recitativo „Die Tugend“

Du irrest, liebes Kind,
du irrest sehr in diesem Stücke,
ich bin so grausam nicht gesinnt.
Ich hasse zwar der Geilheit Lasterstricke,
durch welche dies verdammte Weib
die wilden Jugend Fuß umschlinget;
bis daß sie endlich Seel und Leib
in tausendfaches Unglück bringet.
allein die Liebe rechter Art
hat dessen Arm, der alles lenket,
sowohl als mich, den Sterblichen geschenket.
Sie scheut nicht meine Gegenwart,
und meine Glut schlägt oft mit ihren Flammen
ganz lieblich zusammen.

Aria „Die Tugend“

Folge nur den sanften Trieben,
die dein zartes Herz gespürt,
wenn dich ihre Flamme rührt.

O so laß nur deine Sinnen
eine Seele lieb gewinnen,
die sich durch die Tugend ziert,
und die must du ewig lieben.

(Szene) „Natur / Schamhaftigkeit“

Die Natur:
Nun hörst du ja, die Tugend selbst stimmt ein,
wirst du der Liebe denn ganz widerspenstig sein?

Die Natur:
Ersticke nicht länger das wallende Wesen,
das meine Hand dir eingepflantzt.

Die Schamhaftigkeit:
Der Tugendspruch ist zwar von großer Kraft,
und sollte mich fast überwinden,
allein, ich fürchte doch die starke Leidenschaft,
und weiß mich nicht darein zu finden.

Die Natur: Ersticke nicht länger das wallende Wesen,
das meine Hand dir eingepflantzt.

Die Schamhaftigkeit:
Die Liebe scheint sehr unruhvoll
und ungestüm zu sein.
Ich wollte wohl, - doch nein,
ich weiß nicht, was ich machen soll!

Die Natur:
Verwirf die blöde Phantasei,
und mache dein Gemüte frei,
das sich durch irrende Gedanken,
in den vermeinten Tugendschranken
mit steter Blödigkeit umschanzt.
Wie ist es, hörst du mich?
Mich dünkt, du änderst dich,
ich kann es an deinem Gesichte schon lesen.
Ersticke nicht länger das wallende Wesen,
das meine Hand dir eingepflantzt.

Die Schamhaftigkeit:
Gefährlicher Entschluß,
den ich anitzo fassen muß.
Wohlan, Natur, ich folge deine Trieben,
doch sage mir, was soll ich lieben?

Die Natur:
Ach sorge nicht, der Himmel sorget schon,
der hat, eh du daran gedacht,
den ewig-festen Schluß gemacht,
durch wen er dich vergnügen wollen,
und wen dein reines Herz am ersten lieben sollen.

Aria „Die Natur“

Selbst der Höchste schließet Ehen,
die ihm wohlgefällig sind.

Wenn die Menschen nicht verstehen,
welchen Pfad ihr Fuß soll gehen,
da versorgt er und verbindt
manches tugendhafte Kind.

Recitativo „Schamhaftigkeit / Verhängnis[4]

Die Schamhaftigkeit:
So wird es auch vielleicht geschehen,
daß seine Vaterhuld bald auf mein Wohl wird sehen.

Das Verhängnis:
Sieh da, du tugendhaftes Herz,
nimm hin das Kleinod meiner Liebe.
Verwandle deine Furcht in Scherz
und laß hinfort die reinen Triebe
nur ihm allein,
wie seine Brust nur dir, gewidmet sein.
Die Wohlfahrt soll auf allen Seiten,
dich, neu verknüpftes Paar, begleiten!

Chor der Nymphen an der Pleiße

Lebe, neues Paar, vergnügt,

selbst das Schicksal hat's gefügt,
daß der Zweck von eurem Hoffen
nach Verlangen eingetroffen.

Lebe, neues Paar, vergnügt!

Glück und Wohlfahrt, Heil und Segen,
müsse deiner Tugend wegen,
sich um deine Wohnung legen,

Lebe, neues Paar, vergnügt!


Verweise



Einzelnachweise

  1. Versuch einer Critischen Dichtkunst (Leipzig, 1730); Facs: [[Sämtliche von Johann Sebastian Bach vertonten Texte (Neumann 1974)|Neumann T]], S. 368.
  2. Siehe u.a. Smend: Bach-Gs1950, S. 42; NBA I/40, Krit. Bericht, S. 22
  3. d. h. „Schwäche“
  4. wohl svw. „Göttliche Vorsehung“