Chronik des Tietmar von Merseburg

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Chronik des Thietmar

Thietmar schrieb zwischen 1012 und 1018 eine Chronik in acht Büchern, die die Geschichte der Zeit von 900 bis 1018 umfaßt. Mit seiner Chronik beabsichtigte er "die Geschichte der Stadt Merseburg"[1] und die "Lebenswege und Taten der frommen Könige Sachsens"[2] zu schildern.

Beides ist für Thietmar eng miteinander verknüpft. Heinrich I. hatte die Grundlagen für die Stadt Merseburg geschaffen und sie mit einer Mauer umgeben. Otto I. hatte das Bistum gegründet, sein Sohn Otto II. hatte es wieder aufgehoben. Otto III. unternahm die ersten Versuche, es wieder einzurichten, die dann unter Heinrich II. Erfolg hatten.

Die ersten vier Bücher widmen sich dabei je einem König,[3] die letzten vier bieten die Geschichte unter Heinrich II. bis zu Thietmars Todesjahr 1018.

Quellen

Als Quellen verwertete Thietmar vor allem Widukind von Korvey. Urkunden standen ihm für Merseburg, Magdeburg und Walbeck zur Verfügung. Von den Quedlinburger Annalen lag Thietmar eine bis 998 reichende Abschrift vor. Ebenfalls wurden für die Chronik das Merseburger Totenbuch, aber auch eigene Erlebnisse herangezogen.

An die Geschichte Merseburgs, Sachsens, Polens, der Gebiete zwischen Elbe und Oder und der Kriege mit germanischen Stämmen östlich der Elbe sowie zwischen Heinrich II. und Boleslaw Chrobry schließen wertvolle Mitteilungen zur Reichsgeschichte an.

Thietmar ist über die Vorkommnisse seiner Zeit gut unterrichtet, oftmals sehr detailliert und anschaulich in der Darstellung; die drei letzten Bücher der Chronik (1014–18) sind fast wie ein Tagebuch. Für die Zeit Ottos III. und insbesondere Heinrichs II. gewinnt die Chronik den "Charakter einer Leitüberlieferung".

Seine Chronik dient bis heute als Hauptquelle für Untersuchungen zur Verfassung, Gesellschaft und Mentalität der späten Ottonenzeit. Sie wird besonders für Bischofswahlen, zum Eherecht, zu Herrschaftsritualen, zu Konflikten zwischen Adel und König, zum Frauenbild, zu Kulturkontakten zwischen Deutschen und Wenden um 1000 oder zum Dortmunder Gebetsbund herangezogen.

Beurteilungen der Herrscher

Die Bedeutung von Aufhebung und Wiedereinrichtung des Bistums Merseburg ist eine besonders wichtige Perspektive, unter der Thietmar die Ereignisse und die Leistung der Herrscher bemisst.

Heinrich I. ist für Thietmar eine problematische Gestalt. Kritisch wird von ihm die Scheidung von Heinrichs Frau Hatheburg, die Ablehnung der Salbung und sein ungezügeltes Liebesleben gesehen. Trotzdem wird Heinrichs Herrschaft anerkannt, da er der eigentliche Gründer Merseburgs und der Begründer der ottonischen Dynastie war .

Otto der Große ist für Thietmar in vielfältiger Hinsicht Vorbild für die eigene Zeit. Die Aufhebung des Bistums Merseburg wirft einen dunklen Schatten auf die Herrschaft Ottos II. Thietmar war trotzdem um eine differenzierte Würdigung Ottos bemüht ist und die Schuld an der Aufhebung des Bistums besonders dem nach Magdeburg transferierten Bischof Giselher anlastete.

Dem Buch zur Herrschaft Ottos III. ist kein preisender Prolog vorangestellt. Dies könnte möglicherweise mit der Aufhebung des Bistums Merseburg in Zusammenhang stehen. Als erste wichtige Leistung wird Otto III. der Einsatz für die Wiedereinrichtung Merseburgs angerechnet. Der frühe Tod Ottos wird als göttliche Strafe für alle Menschen gedeutet.

Heinrich II.

Die Wiedereinrichtung des Bistums Merseburg wurde Heinrich II. hoch angerechnet. Heinrich ist für Thietmar ebenfalls der Überwinder des jahrzehntelangen Zwistes zwischen den Nachkommen Ottos I. und den Nachkommen seines Bruders Heinrichs. Doch blieb Heinrich auch von Kritik nicht verschont, wenn er gegen Thietmars Familie, gegen den Episkopat oder gegen die Klöster Entscheidungen traf.

Die Chronik Thietmars ist in ihrem Originalcodex erhalten. Sie wurde von acht Schreibern niedergeschrieben, wobei Thietmar ihre Arbeit ständig kontrollierte, eigenhändige Verbesserungen anbrachte und selbständig die Arbeit fortsetzte. Von 1091 bis 1570 befand sich der Codex der Chronik im Kloster St. Peter und gelangte 1570 nach Dresden (Mscr. Dresd. R 147). Bei der Bombardierung Dresdens 1945 wurde der Text so stark beschädigt, daß nur wenige Seiten unversehrt blieben. Glücklicherweise wurde jedoch bereits 1905 ein hochwertiges Faksimile angefertigt.

Eine Überlieferung der Chronik in der sogenannten Brüsseler Handschrift, einer Abschrift des 14. Jahrhunderts, ist wohl eine von Thietmar selbst überarbeitete Fassung, die über das Jesuitenkolleg Paderborn nach Antwerpen in die Hand Daniel Papebrochs und von da nach Brüssel gelangte (Bruxell. 7503-18). Diese enthält außerdem eine Interpolation aus dem Kloster Corvey.

Forschungsgeschichte

Die zentrale Bedeutung von Thietmars Chronik führte seit den 1950er Jahren zu gründlichen Nachforschungen. Insbesondere das Wissen über Thietmars Vorstellungswelt und die Überlieferung und Rezeption des Werkes sind deutlicher erkannt worden. Grundlegend für die heutige Thietmar-Forschung wurde die Dissertation von Helmut Lippelt aus dem Jahr 1973. Lippelt versuchte Thietmars Anschauungen aus seinem Werdegang vom sächsischen Grafensohn bis zum Reichsbischof zu erklären. Die Ausführungen zur Geschichte der Walbecker Grafen, zu Thietmars Schulbildung, seinem geistlichen Werdegang und zu seiner Rekuperationspolitik als Merseburger Bischof haben bis heute Bestand.


Verweise



Einzelnachweise

  1. Merseburgensis series civitatis
  2. Saxonie regum vitam moresque piorum
  3. Heinrich I., Otto I., II., und III.