Das Weihnachtsoratorium von J. S. Bach (Einführung in's Werk von Martin Möller)

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Das Weihnachts-Oratorium von Johann Sebastian Bach


Eine Einführung in das Werk von Martin Möller


Einführung

Das Weihnachts-Oratorium Johann Sebastian Bachs steht in der zu Bachs Zeit bereits uralten Tradition der szenischen Aufführung der Weihnachtsgeschichte nach den Evangelisten Lukas und Matthäus - der Berichte des Markus setzt bekanntlich erst mit der Taufe Christi ein. Das Weihnachts-Oratorium stellt somit nicht wie die geistlichen Kantaten und Passionen eine Musik dar, die zum Evangelium des Sonn- bzw. Feiertages korrespondiert, sondern repräsentiert eine traditionell eigentümliche liturgische Verklammerung der Weihnachtsfestzeit vom Christfest (25. Dezember) bis zum Erscheinungsfest (Festo Epiphanias 6. Januar). Es kann nicht ausgeschlossen werden, daß szenische Elemente auch bei den Aufführungen Bachs in der Festzeit 1734/35 eine Rolle gespielt haben.

Gemäß der Tradition dieser szenisch-oratorischen Aufführungen wurde der Stoff aus den Evangelienberichten auf die zur Verfügung stehenden sechs oder sieben Feiertage der Weihnachtszeit verteilt. Auch diese Aufteilung des Stoffes im Weihnachts-Oratorium entspricht der Tradition und sieht folgendermaßen aus:


Teil Feiertag Biblische Geschichte
Teil 1 1. Weihnachtstag (Christfest) Geburt des Herrn
Teil 2 2. Weihnachtstag Verkündigung an die Hirten
Teil 3 3. Weihnachtstag Gang der Hirten zur Krippe und Anbetung
Teil 4 Neujahrstag (Fest der Beschneidung Christi) Beschneidung und Namensgebung Christi
Teil 5 Sonntag nach Neujahr Die Weisen aus dem Morgenland kommen nach Jerusalem
Teil 6 Epiphanias (Erscheinungsfest) Die Weisen bei Herodes, ihre Anbetung des Kindes und Heimkehr.


Das oft in Evangelienhistorien dargestellte bethlehemitische Kindermassaker und die Flucht nach Ägypten werden in Bachs Weihnachtsoratorium nicht behandelt.

Die Textvorlage Bachs fügt zum Evangelientext umfangreiche madrigalische Texte[1] und 16 Choralstrophen hinzu, die Bach gemeinsam mit dem unbekannten Dichter der madrigalischen Texte sorgfältig ausgewählt hat. Die aus 100.000 Vorlagen zielsicher ausgewählten Strophen entstammen folgenden Liedern: „Ihr Gestirn, ihr hohlen Lüfte“ von Johann Franck; „Fröhlich soll mein Herze springen“, „Ich steh an deiner Krippen hier“, „Wie soll ich dich empfangen“, „Wir singen dir, Immanuel“ und „ Schaut, schaut, was ist für Wunder dar“ von Paul Gerhardt; „Gelobet seist du, Jesu Christ“ und „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ von Martin Luther; „ Hilf, Herr Jesu, laß gelingen“, „Ermuntre dich, mein schwacher Geist“ und „ Jesu, du mein liebstes Leben“ von Johann Rist; „Laßt Furcht und Pein“ von Christoph Runge; „ Nun liebe Seel, nun ist es Zeit“ von Georg Weißel und „ Ihr Christen, auserkoren“ von Georg Werner.

Ins Auge fällt die Vorliebe des späteren Bachs für Dichtungen der Mitte des 17. Jahrhunderts. Diese ist übrigens auch der Tatsache geschuldet, daß viele Lieder z.B. aus Brandenburg damals bis zu 100 Jahre benötigten, bevor sie im benachbarten Sachsen wahrgenommen wurden.

Die Choräle haben verschiedene Funktionen im Weihnachts-Oratorium zu erfüllen. Zunächst gliedern sie das Gesamtwerk, indem jeder der sechs Teile durch einen Choral beendet wird. Sodann spielen sie eine wichtige Rolle bei dem für das Verständnis des Oratoriums höchst bedeutsamen Symmetrieprinzips. Bach ging es nicht nur darum, das gesamte Weihnachts-Oratorium symmetrisch zu gliedern, er gliederte auch einzelne Teile zentralsymmetrisch und zudem die Teile 1 bis 3 insgesamt. Als Symmetrieachse dient häufig ein Choral, der in der Mitte des jeweiligen Teils steht. Doch auch andere Elemente setzt Bach derartig ein mit dem Ziel, die theologische, die geistliche Mitte des Werkes hervorzuheben.

Doch nicht nur die Gliederung der Textelemente dienen der Symmetriegestaltung, auch der Tonartenplan der Teile und des gesamten Oratoriums ist stärker als in jedem anderen Werk Bachs der symmetrischen Planung verpflichtet. Dies sei am Beispiel der Teile I bis III verdeutlicht: Hier stehen die Rahmensätze sowohl der Teile 1 und 3 und damit natürlich auch dieses gesamten Komplexes in D Dur. Der zwischen ihnen liegende Teil 2 beginnt und endet in der Subdominant-Tonart G-Dur. In der Mitte von Teil 2 wiederum steht der Choral „Schaut hin, dort liegt im finstern Stall“. Dieser Choral steht in C-Dur - der Subdominanttonart zu G-Dur. Bach führt uns also mit beträchtlichem musikalischen Aufwand in zwei großen Schritten zur Wechselsubdominanten und zu einem unscheinbaren Choral, der für sich genommen keine besondere Aufmerksamkeit genießen würde.

Bachs Motive für dieses Vorgehen sind weder psychologischer Natur wie oft in de Romantik, noch zielen sie auf Effekt wie bisweilen in der Moderne, Bach läßt alle seine unerschöpflichen künstlerischen Mittel einem Zweck dienen: der Verdeutlichung der Lehre der Kirche, der musikalischen Predigt. Und so faßt denn auch der kleine Vers von Paul Gerhardt das Zentrum der Lehre der Kirche didaktisch zusammen: Im finstern Stall liegt in der Krippe das Kind der Jungfrau, dessen Herrschaft doch „überall“ geht. Es sei hier daran erinnert, daß Bach in der „h-moll-Messe“ ebenfalls in zwei Subdominantschritten zu den Aussagen über die Menschsein Jesu Christi hinführt (Et in unum Dominum Jesum Christum).

Der lehrhaften Verdeutlichung dieser einen zentralen Aussage des christlichen Glaubens - der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus - ist das gesamte Weihnachts-Oratorium gewidmet. Bach ordnet auch sämtliche Mittel der Textgestaltung, der musikalischen Hermeneutik, der Dramatik und der Epik dem Ziel der Hinführung zum Dogma unter. Diese geschieht im Allgemeinen in vier Schritten: Am Anfang steht die Heilige Schrift, der Evangelienbericht. Dieser Bericht wird zunächst reflektiert und meditiert, sodann in einer bestimmten Aussage, die Gebetsform annehmen kann, zusammengefaßt. Diese Meditation (in zwei Schritten) mündet im letzten Schritt in die bekräftigende und bestätigende Choralstrophe, der die personale Meditation in die Mitte der Gemeinde leitet.

Dieser das gesamte Weihnachts-Oratorium, ja das gesamte geistliche Vokalwerk Bachs prägende Prozeß sei an einem Beispiel aus dem 1. Teil des Oratoriums verdeutlicht:

Satz 6 Schritt 1 Evangelienbericht von der Geburt Christi: „Und sie gebar ihren ersten Sohn …“
Satz 7 Schritt 2 Rezitativ mit Choral: In einem meditativen Dialog zwischen Baß- und Sopranstimme wird die Liebe Gottes, die sich exemplarisch in seiner Menschwerdung zeigt, betrachtet.
Satz 8 Schritt 3 Baßarie: In der Erkenntnis der Menschwerdung kann das Christkind als „großer Herr“ (Himmels und der Erde) und „starker König“ (des göttlichen Reiches) gepriesen und angebetet werden, der auf irdischen Glanz und Reichtum verzichten will und kann.
Satz 9 Schritt 4 Choral: Diese „Erniedrigung“ Gottes kann nur zum tatsächlich beabsichtigten Ziel gelangen, wenn das Herz zur Krippe wird. Deshalb das Gebet: „Mach dir ein rein sanft Bettelein, zu ruhn in meines Herzens Schrein!“

Es dürfte bereits aus diesem einen Beispiel klar geworden sein, daß im Weihnachts-Oratorium die später vielfach beklagte Kluft zwischen persönlichem Glauben und kirchlicher Lehre überwunden ist. In der Musik des Weihnachts-Oratoriums verwendet Bach vielfältige Mittel. Besonders einprägsam sind die großartigen Chorkompositionen, mit denen er fünf Teile seines Werkes beginnen läßt. Bei der Zuweisung der Arien und Rezitative steht die Alt-Stimme in besonderer Weise im Mittelpunkt. Namentlich im 3. Teil wird deutlich, daß die der Altstimme zugewiesene Meditation einerseits Maria, der Gottesmutter zugeordnet ist: „Schließe, mein Herze, dies selige Wunder fest in deinem Glauben ein!“, die als Erste im Jesuskind den Herrn und Heiland erkennt und preist. Bach deutet sie auf die gesamte Kirche hin: „Bereite dich, Zion, mit zärtlichen Trieben!“ Das hier zur Vorbereitung auf das Kommen des Gottessohnes aufgerufene Zion ist das gesamte Gottesvolk - sowohl das Zion des Alten Bundes, das „dem Abraham“ verheißene (Satz 14), als auch das des Neuen Bundes, an dessen Anfang der „Hirtenchor“ steht, dem die Verheißung erstmals als „erfüllt erwiesen“ worden ist.

Wir sehen im Weihnachts-Oratorium Maria als Urbild des Glaubens und der Kirche, eine Auffassung, die das 2. Vatikanum in fast wörtlicher Anlehnung ans Weihnachts-Oratorium formulierte: „Denn die Jungfrau Maria, die auf die Verkündigung des Engels hin das Wort Gottes mit ihrem Herzen und mit ihrem Leib aufnahm … wird als wahre Mutter Gottes und des Erlösers anerkannt und geehrt. … Die Gottesgebärerin ist, wie schon der Hl. Ambrosius lehrte, das Urbild der Kirche, nämlich in Bezug auf den Glauben, die Liebe und die vollkommene Einheit mit Christus.“ (Lumen gentium Nr. 65)

In besonderer Weise sei auf die Arie „Flößt mein Heiland“ in der Mitte von Teil 4 hingewiesen. Hier handelt es sich nicht um einen unterhaltenden Echoeffekt, sondern um einen Dialog zwischen dem Gläubigen, repräsentiert durch die Sopranstimme und dem Christuskind in der Krippe, repräsentiert durch das „Echo“. Christus vertreibt die Ungewißheit und Angst des Menschen und bekräftigt durch sein Wort: Fürchtet euch nicht - freuet euch!!


Verweise


Einzelnachweise

  1. d. h. Dichtungen