Deus caritas est

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Christliche Enzyklika?


Ratzingers Erste. Leserbrief für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, dort nicht veröffentlicht.

Prof. Dr. Wigand Siebel, Saarbrücken

Der Leserbrief

Die Enzyklika Benedikt XVI. "Gott ist die Liebe" verdient eine besondere Aufmerksamkeit, dies nicht nur weil die Antrittsenzyklika eines als Startheologen gerühmten Pontifex für sein Amt, "die programmatische Richtung, theologische Klarheit und praktische Konsequenzen" erkennen lassen dürfte. Sie verdient auch deshalb eine besondere Würdigung, weil hier die theologische Richtung, der der Verfasser angehört und dessen führender Vertreter er nach Karl Rahner ist, zum Ausdruck kommt. Von daher ist eine fundamentale Kurskorrektur im Verständnis des Themas gegenüber der traditionellen Theologie zu erwarten, deren theologische Denk- und Handlungsperspektiven das Schiff der Kirche zu neuen Ufern führen könnte.

Ansatzpunkt und Grundlage zugleich ist der Enzyklika das Wort "Eros". Dieses Wort für die sinnliche Liebe erlaubt es dem Verfasser, in drei Stufen zur Liebe Gottes vorzudringen. Die erste Stufe betrifft das sexuelle Verhältnis von Mann und Frau ganz unabhängig von der Ehe. Dazu heißt es in der Enzyklika:

"Der Liebe zwischen Mann und Frau, die nicht aus Denken und Wollen kommt, sondern den Menschen gleichsam überfällt, haben die Griechen das Wort Eros gegeben". Diese "haben im Eros zunächst den Rausch, die Übermächtigung der Vernunft durch eine 'göttliche Raserei' gesehen, die den Menschen aus der Enge seines Daseins herausreißt und ihn in diesem Überwältigtwerden durch eine göttliche Macht höchste Seligkeit erfahren läßt".
Der in der antiken Tempelprostitution geübte trunkene zuchtlose Eros war jedoch nicht "Aufstieg", "Ekstase" zum Göttlichen hin, sondern Absturz des Menschen. So wird sichtbar, daß der Eros der Zucht, der Reinigung bedarf, um dem Menschen nicht den Genuß eines Augenblicks, sondern einen gewissen Vorgeschmack der Höhe der Existenz zu schenken - jener Seligkeit, auf die unser ganzes Sein wartet".

Die Reinigung muß dafür sorgen, daß Geist und Leib nicht voneinander getrennt sind. Es lieben nämlich "nicht Geist oder Leib - der Mensch, die Person liebt … Nur in der wirklichen Einswerdung von beidem wird der Mensch ganz er selbst. Nur so kann Liebe - Eros - zu ihrer wahren Größe reifen … Ja, Eros will uns zum Göttlichen hinreißen, uns über uns selbst hinausführen, aber gerade darum verlangt er einen Weg des Aufstiegs, der Verzichte, der Reinigungen und Heilungen". Auf der ersten Stufe wird danach dem Eros eine Selbstreinigungskraft zugemessen, die den Aufstieg zum Göttlichen hin ermöglicht.

Wie gelingt es nun dem Eros, den Liebenden zum Göttlichen hinzuziehen? Er muß in sich seine Reinigungskraft mit Hilfe der Agape aktivieren. Dazu wird ausgeführt:

Bei der Suche nach der inneren Einheit der Liebe "begegneten uns die beiden Grundwörter Eros als Darstellung der 'weltlichen' Liebe und Agape als Ausdruck für die im Glauben gründende und von ihm geformte Liebe. Beide werden häufig auch als 'aufsteigende' und als 'absteigende' Liebe einander entgegengestellt". Der Eros ist dann die "verlangende" und die Agape die "schenkende" Liebe.

Es scheint dabei eine gewisse Gleichordnung und Gleichwichtigkeit der beiden Liebesformen zu geben. Denn es "lassen sich Eros und Agape - aufsteigende und absteigende Liebe - niemals ganz von einander trennen. Je mehr beide in unterschiedlichen Dimensionen in der einen Wirklichkeit Liebe in die rechte Einheit miteinander treten, desto mehr verwirklicht sich das wahre Wesen von Liebe überhaupt". Was nun aber die "rechte Einheit" dieser beiden Dimensionen ist, läßt sich dem Text nicht einwandfrei entnehmen, sodaß auch nicht klar werden kann, was das wahre Wesen der Liebe ist. Mit der Einführung des "Grundwortes" der Agape ist die zweite Stufe der Liebeskonzeption der Enzyklika erreicht.

Im weiteren erweist sich, daß die agape keine Selbständigkeit gegenüber dem eros besitzt; sie läßt nur das Spektrum der Liebe innerhalb des Eros breiter aufscheinen. Die Enzyklika lehnt daher die Vorstellung ab, "christlich sei die absteigende, die schenkende Liebe, die Agape; die nichtchristliche, besonders die griechische Kultur sei dagegen von der aufsteigenden, begehrenden Liebe, dem Eros geprägt. Wenn man diesen Gegensatz radikal durchführte, würde das Eigentliche des Christentums aus den grundlegenden Lebenszusammenhängen des Menschseins ausgegliedert und zu einer Sonderwelt, die man dann für bewundernswert ansehen mag, die aber doch von dem Ganzen der menschlichen Existenz abgeschnitten würde".

Die Agape besitzt nur eine Stellung innerhalb des Eros: "Wenn der Eros zunächst vor allem verlangend, aufsteigend ist … so wird er im Zugehen auf den anderen immer weniger nach sich selber fragen, immer mehr das Glück des anderen wollen, immer mehr sich um ihn sorgen, sich schenken, für ihn da sein wollen. Das Moment der Agape tritt in ihn ein, andernfalls verfällt er und verliert auch sein eigenes Wesen. Umgekehrt ist es aber auch dem Menschen unmöglich, einzig in der schenkenden, absteigenden Liebe zu leben. Er kann nicht immer nur geben, er muß auch empfangen".

Die Agape kann sich aber auch aus dem Eros lösen, dann ergibt sich allerdings eine Fehlentwicklung. "Wo die beiden Seiten ganz auseinander fallen, da entsteht eine Karikatur oder jedenfalls eine Kümmerform von Liebe".

Wer also allein der agape lebt, der stellt eine Karikatur- oder eine Kümmerform der Liebe dar. Man fragt sich , wie es dann mit der Liebe in den Ordensgemeinschaften mit ihrem Jungfräulichkeitsideal bestellt ist. Und wie steht es mit der Gottesliebe? Würde die reine schenkende Liebe Gottes dann auch als eine Kümmerform erscheinen?

So darf man gespannt sein, wie der Autor diese Schwierigkeit auf der dritten Stufe löst. Die Enzyklika erklärt: Das Neue des biblischen Glaubens besteht darin, daß es nur einen Gott gibt und daß diesem Schöpfer-Gott "sein Gebilde lieb ist, weil es ja von ihm selbst gewollt, von ihm ‚gemacht’ ist … Dieser Gott liebt den Menschen. … Er liebt, und diese seine Liebe kann man durchaus als eros bezeichnen, der freilich zugleich ganz Agape ist". Dafür spricht, daß vor allen die Propheten Hosea und Ezechiel die Leidenschaft Gottes für sein Volk "mit kühnen erotischen Bildern" beschrieben haben. Damit ist die dritte Stufe und zugleich das Ziel erreicht.

Mit der dreistufigen Theorieentwicklung hat die Enzyklika die göttliche Liebe aus der weltlichen, verlangenden Liebe des eros abgeleitet. Es gibt danach keine eigenständige Gottesliebe. Sie ist, so muß man folgern, bereits in der Liebe von Mann und Frau, zumindest keimhaft, enthalten. Gott hat jedoch eine besonders starke "Agape-Dimension" in seinem Eros. "Der Eros Gottes für den Menschen" ist so als Geschenk für den Erdenbürger geeignet, "nicht nur weil er ganz frei und ohne vorgängiges Verdienst geschenkt wird, sondern auch weil er verzeihende Liebe ist."

Diese ungewöhnliche Herleitung der Gottesliebe ist nun allerdings nicht mit der engen Elle der Logik zu messen. Die mehr künstlerische Gestaltungskraft des Verfassers für ein eindrucksstarkes Bild ist hier maßgeblich gewesen. Auch handelt es sich ja mehr um einen Entwurf, der ein neues Gottesbild voraussetzt und nicht in jeder Hinsicht durchdacht sein kann. Jedenfalls muß man sich nach dem Rundschreiben einen Gott vorstellen, der zugleich ganz verlangende Liebe und ganz schenkende Liebe ist und einen solchen Eros dem Menschen überreicht. Unterstellt man diesem eros, daß er ganz verlangende, sinnliche Liebe (von der das Rundschreiben keine präzise Kenntnis nimmt) wirklich mit ganz schenkender Liebe vereint, dann vermag er das Unmögliche zu leisten.

Die Enzyklika hat die christliche Terminologie nicht mehr benutzen wollen, die sich in aller Klarheit aus dem Evangelium ergibt. Alle acht Autoren des Neuen Testaments haben - ohne sich darüber abzusprechen - das Wort "eros" vermieden. Es kommt im Neuen Testament überhaupt nicht vor. Zumeist wird das Wort agape benutzt, ferner das Wort philia (Freundschaft). Das weiß auch die Enzyklika. Insofern hat sie eine bewußte terminologische Wende vollzogen.

Warum haben die Autoren des Neuen Testaments den Begriff des Eros vermieden? Dies nicht nur weil sie die Bedeutung des Wortes als sinnliche Liebe und die Verhältnisse in der griechisch sprechenden Welt kannten. "Der innere Grund dafür liegt darin, daß die sinnliche Liebe von jener himmlischen Liebe, die in der Menschwerdung des Sohnes Gottes sichtbar geworden ist, durch eine unüberwindbare Kluft getrennt ist". Darin liegt das zentrale Erbe des Christentums. Diese Kluft hat der römische Brückenbauer in seiner kühnen Konstruktion zu überwinden gesucht. Über die Haltbarkeit der neuen Brücke wird man jedoch streiten können.

Jedenfalls zeigt sich, daß auf der sachlichen Ebene der Bruch der Enzyklika mit der christlichen Tradition keineswegs kleiner ist als der terminologische Bruch. Denn die spezifische göttliche Wirksamkeit durch die Gnade ist in der Konzeption des Schreibens überflüssig geworden. Diese Aufräum- oder Abrißarbeit gehört zu der bekannten Wirksamkeit des Modernismus. Ohne die Welt der Gnade verschwimmt aber die göttliche Sphäre der "Übernatur" in der Natur. Gott wird dann mehr oder weniger zu einem Ergebnis der innerweltlichen Entwicklung. Tatsächlich hat der Autor in seinen Schriften die Ideen Teilhards de Chardin aufgenommen. Endlich muß aber auch die Frage gestellt werden, ob die Enzyklika ihrem Titel gerecht geworden ist. Wer ist Gott und worin besteht die Tatsache, daß er die Liebe ist? Das Christentum kann darauf eine ganz klare und eindeutige Antwort geben. Auf liebevolle Tätigkeiten der göttlichen Personen nach außen hinzuweisen genügt nicht, da Gott auch schon vor der Schöpfung die Liebe war.

Leider läßt die Enzyklika in diesem Punkt den Leser mit einer Antwort weitgehend im Stich. Liebe zwischen Personen ist der Wille zu einer Gemeinsamkeit mit dem anderen. Ist dieser Wille auf beiden Seiten vorhanden, kommt die Liebe zu ihrer Erfüllung. Dabei bildet sie stets eine triadische Struktur. Zu den beiden Liebenden gehört jeweils noch ein Drittes, welches normative und stabilisierende Kraft innehat. In der Liebe zwischen Freunden ist es die Freundschaft, in der Liebe zwischen Mann und Frau ist es die Ehe.

Diese dritte Dimension wird von den beiden Liebenden errichtet und bildet die Gemeinschaft, die beide zusammenhält. Auch die göttliche Trinität kann unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden. Es ist der Vater, der den Sohn liebt und der Sohn, der den Vater liebt. Aus der Liebe beider geht der Heilige Geist hervor, der die Liebe im spezifischen Sinn ist und zugleich die Gemeinschaft von Vater und Sohn bildet. Warum hat das Rundschreiben diesen Zusammenhang nicht entfaltet? Hier können die früher vom Verfasser veröffentlichten Schriften Auskunft geben. Die Antwort lautet: Der Verfasser glaubt nicht daran, daß Jesus der Gottessohn und damit wahrer Gott von Ewigkeit ist. Mit diesem Mangel kann man das Dogma der Trinität nicht ernst nehmen und der Versuch, ohne sie Gott als die Liebe zu erweisen, muß ein Torso bleiben. Es versteht sich, daß man daher der Feststellung von Heinz-Joachim Fischer in seinem Kurzkommentar zur Antrittsenzyklika "Und selbstverständlich ist vom ‚christlichen’ Gott die Rede" mit einer gewissen Skepsis begegnet.


Verweise