Die Reformation (EKL-Aufsatz)

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Die Überzeugung, daß die Moderne ursprünglich durch die Reformation bedingt wurde, ist recht allgemein verbreitet und ich habe selbst vor 50 Jahren daran geglaubt und diese Ansicht auch in meinen Schriften vertreten.[1] Der unmittelbare Eindruck, den ein katholischer Betrachter bei diesem geschichtlichen Ereignis haben muß, ist auch der einer Katastrophe. Die Einheit des westlichen Christentums war zerbrochen, jahrhundertelang folgten böse, ja sogar kriegerische Auseinandersetzungen. Aber ein Unglück in der Kirchengeschichte gleicht oft dem im Leben eines Menschen. So kann sich das Scheitern einer „großen Liebe“ schließlich als ein wahres Glück herausstellen, wenn es schlußendlich eine herrliche Ehe mit einem anderen Partner ermöglicht. Geschichtliche Ereignisse dürfen nicht danach beurteilt werden, wie sie augenblicklich empfunden wurden, sondern nur, wie sie sich schließlich auswirkten. Man denke da lediglich an die Verwundung des Heiligen Ignatius. Es gibt überdies auch eine felix culpa!

Immer wieder hörte ich in meinem Leben von ökumenisch gesinnten evangelischen Christen, daß man doch den Graben zwischen den Bekenntnissen zumindest bei uns im Norden zuschütten könnte, indem man Luther in Rom heilig spräche. Eine Aussage, die gut gemeint, jedoch sehr naiv ist, denn Luther, wie Karl Pfleger heraushob,[2] war zwar ein echter Ringer mit Christus und sogar ein sehr frommer Mann, aber doch wahrhaftig kein „Heiliger“. Er war nun einmal ein ganz anderer Mensch, als ihn sich der durchschnittliche katholische oder auch evangelische Christ vorstellt, und es ist für uns - Menschen des 20. Jahrhunderts -sehr schwer, ihn und seinen Glauben richtig zu sehen.

Wir wissen vielleicht alle, was der „Protestantismus“ heute ist, aber gerade dieses Wissen verstellt uns völlig den wahren Doktor Martinus. Was er zu seinen Lebzeiten bewirken wollte, ist in den meisten Dingen das genaue Gegenteil von dem, was unter seinem Etikett heute tatsächlich vorhanden ist. Es hat hier eine Wandlung stattgefunden, die größtenteils mit der Ersten Aufklärung anfing, die wiederum die Französische Revolution mit allen ihren satanischen Schrecken gebar,[3] und die Luther (genau wie Kalvin) entrüstet von sich gewiesen hätte. Als die linken, bücherverbrennenden, nationaldemokratischen Studenten auf der Wartburg den dreihundertsten Jahrestag der Reformation anno 1817 feiern wollten und das Rot der Revolution den Reichsfarben anhängten, hätte ein Lutherus Redivivus sie zum Teufel gejagt.

Um Luther richtig zu kennen, muß man einmal einen guten Teil seiner Werke gelesen haben, und das sind in der Weimarer Ausgabe 107 Bände von je ungefähr 600 Seiten, von denen auch ich nur ein gutes Viertel, darunter aber alle seine Briefe und Tischreden, bewältigt habe.[4] Eines ist sicher: Luther war kein „Protestant“ und hätte sich energisch gegen dieses üble Etikett gewehrt. Er glaubte noch an drei Sakramente, ging jede Woche zur Beichte, betrachtete die Wiederverheiratung Geschiedener als „Hurerei in Permanenz“ und als ihm, der frühzeitig alterte, einmal einige Tropfen des Weines bei der Kommunionsausteilung zu Boden fielen, kniete er nieder, um sie aufzulecken. (Die Gläubigen, gerührt über diesen frommen Mann, brachen in Tränen aus.)

Heute aber glaubt die große Mehrheit der evangelischen Christen - und der statistische Durchschnittskatholik gibt es zögernd zu -, daß durch die Reformation die moderne Zeit zumindest in ihren Grundlagen geschaffen wurde, denn Luther sei ja doch „seiner Zeit voraus“ gewesen. Das aber ist ein ganz gewaltiger Irrtum. Luther (wie auch Kalvin) war ein erzkonservativer Antiintellektueller, der gegen die damalige Moderne kämpfte, d.h. gegen den Geist der Renaissance und des christlichen Humanismus.

Er kannte diese zwar „literarisch“, aber erst sein Winter in Rom, 1510/11, klärte ihn richtig auf, und er, der sein ganzes Leben hindurch ein bitterer Feind des Heidentums war, reagierte energisch.[5] Uns wurde immer gesagt, daß ihn die Verworfenheit der hohen Geistlichkeit Roms entsetzt hätte, aber da müssen wir uns daran erinnern, daß das Mittelalter überhaupt nicht puritanisch war, weder in Rom, noch in den deutschen Ländern, Skandinavien oder Frankreich, und daß die Sünden contra sextum wenig ernst genommen wurden.[6] Sein Sexualschock ist ein frommes Ammenmärchen. Doch sein „Antipaganismus“ zeigte sich bei den Marburger Gesprächen mit Zwingli über das Altarsakrament und die Realpräsenz, an der er festhielt.[7]

Als Zwingli, der wie Melanchthon als Humanist gelten konnte, Luthers Hände ergriff und ihm sagte, daß sie sich da doch vielleicht vergeblich stritten, sich nach ihrem Tod aber im Himmel mit den großen Weisen der Antike treffen würden, mit Philosophen wie Sokrates, Plato und Aristoteles, empörte sich Luther über die Vorstellung, daß diese ungetauften Heiden nicht in den ewigen Feuern der Hölle schmorten. Zwingli wandte ein, daß diese edlen Männer doch auch ihrem Gewissen gefolgt waren, aber da protestierte der sehr jähzornige Luther mit lautstarken Tiraden. Wenn Zwingli so rede, sei er überhaupt kein Christ, und er bedauere es, in einer Diskussion mit ihm ganze Tage verschwendet zu haben.[8]

Mit anderen Worten: Luther ist der mittelalterliche Reaktionär, der sich gegen die von den Päpsten geförderte Renaissance, gegen den Humanismus wendet, ein Mann, der in ein imaginäres Frühchristentum zurückkehren will, der natürlich auch antiintellektuell ist und den Verstand als Hure[9] betrachtet, als einen Esel, den man mit Stockschlägen in jede beliebige Richtung treiben kann.

Nicht durch den Verstand kann der Mensch gerettet werden, nicht durch gute Werke, sondern nur durch den Glauben allein,[10] also sola fide, wobei er willkürlich das sola dem Text der Vulgata hinzugefügt hatte, also einen „blinden“ Glauben verlangte, der der Scholastik fremd war, die wiederum Luther kaum kannte. Die Wurzeln seiner Religiosität liegen im späten Mittelalter, das viel eher von der Mystik als von der Ratio bestimmt war. Hierzu kann man Nicolas Gomez Dávila zitieren, der sagte, daß, wenn man dem Europäer das Christentum und die Antike wegnähme, nur ein bleicher Barbar übrigbliebe. Und Luther fehlte die Antike - daher auch sein Haß auf das Heidentum, den Humanismus und die Renaissance. Kein Wunder also, daß die Universitäten diesen Antiintellektuellen ablehnten[11] und daß sich die deutschen Humanisten, die ihn anfänglich begrüßten, von ihm abwandten, sobald sie sahen „wohin die Reise ging“ - [[Erasmus von Rotterdam|Erasmus]], Adelmann, Pirckheimer, auch der eher „antiklerikale“ Reuchlin.[12]

Luther war - ich wiederhole es - als Konservativer gegen die „damalige Moderne“, aber die katholische Kirche ist nicht „konservativ“ in einem nur rückblickenden Geist, sondern in einem gewissen Sinn „additiv“. Alles sich Entfaltende, Wachsende ist „additiv“, da neue Zellen organisch hinzukommen, die aber natürlich „genetisch“ schon vorprogrammiert sind. So wird ein echtes Dogma nie abgeschafft werden, wohl aber ein weiteres, ein neues hinzukommen, oder auch ein altes besser oder deutlicher interpretiert. Für diesen Vorgang, für dieses Wachstum der Kirche haben wir ja ihre petrinische Magistratur, die sowohl für die Bewahrung, die Säuberung als auch für die Entwicklung zuständig ist.

So gesehen ist Martin Luther ein Erzbischof Lefebvre seiner Tage. Man sollte weder beim verstorbenen Erzbischof noch bei Luther an dem sehr ernsten, wahrhaftig religiösen Anliegen zweifeln oder gar in Luther einen reinen Neurotiker sehen,[13] einen Mönch mit verfehlter Berufung, der um jeden Preis eine adelige Nonne heiraten wollte. Es hat sehr wenig Sinn, auf seine theologischen Irrtümer und geistigen Fehlleistungen akribisch hinzuweisen und schon gar nicht auf jene zahlreichen Reaktionen und Äußerungen, die bei diesem cholerischen, zu Übertreibungen neigenden Mann oft wirklich bestürzend sind. Das aber ist immer wieder etwas einseitig getan worden.

Luther gehört, obwohl erst 1483 geboren, ganz und gar dem Mittelalter und nicht der Neuzeit an. Dennoch wurde er zum Beender des Mittelalters (viel mehr als Kolumbus), wobei wir uns vor der Glorifizierung des Mittelalters hüten müssen. Auch der Schreiber dieser Zeilen gehörte sehr lange jener romantisch-katholisch-konservativen Schule an, die von der Vision lebte und geplagt wurde, daß das herrliche Mittelalter zu Ende ging, weil nach dem Fall von Konstantinopel griechische Gelehrte mit fetten Manuskripten und Statuetten nackter Göttinnen nach Rom kamen und eine „Neue Freiheit“ verkündeten. Die Krönung dieser Freiheitsbewegung war dann Luther, der auch die religiöse Freiheit verlangte. Von da aus führte ein gerader Weg zur Aufklärung, zur Französischen Revolution, zur Demokratie, Liberalismus, Nationalsozialismus und International-Sozialismus, zu den kannibalischen Orgien unter Mao[14] und zu den Mordorgien unter dem ehemaligen Sorbonne-Studenten Pol Pot.[15]

Diese Entwicklungslinie wurzelt aber ganz und gar nicht in der Reformation. Sebastian Frank, der sich anfangs zu Luther bekannte, bestand darauf, daß man nun überall wie in einem Kloster leben sollte.[16] Viel ärger noch ging es allerdings in Genf unter Kalvin zu, wo Europas erster totalitärer Staat entstand. Kommissionen untersuchten Haushalte, ob sie nicht zu viele Töpfe mit Marmelade besäßen oder den Dienstmädchen Seidenschürzen schenkten.[17] Die terrorisierten Bürger wurden auf Schritt und Tritt überwacht.

Die große Katastrophe, die aber dann den „Protestantismus“ ereilte, war die Erste Aufklärung, die die Französische Revolution mit ihren sagenhaften Greueln zur Folge hatte.[18] Die Erste Aufklärung - wir haben heute eine Zweite - überwältigte die evangelischen Bekenntnisse, weil sie erstens kein Magisterium besaßen, und zweitens in Lokalkirchen zersplittert waren.

Diese falsche Liberalisierung kam aber eben nicht aus der reformatorischen Erbschaft. Die Wurzel ist eine ganz andere. Es ist die agnostische Degeneration des christlichen Humanismus, der mit Pico della Mirandola, Marsilio Ficino und Vittorino da Feltre so gut angefangen hatte,[19] aber auch Pomponazzi und später noch Giordano Bruno und Gassendi hervorbrachte. Von den Britischen Inseln steuerten die „Sensualisten“ das ihre zu diesem Prozeß bei.

Durch das ganze 19. Jahrhundert zog sich die geistige Auflösung der Reformationsreligionen, ein Prozeß, der von „oben“ nach „unten“ verlief und dann in unserem Jahrhundert zur völlig zersetzenden Bibelkritik führte. Die katholischen Gläubigen sind natürlich heute denselben oder ähnlichen Negativfaktoren der Zweiten Aufklärung ausgesetzt - auch als Globalkirche mit einem feststehenden Magisterium -, aber eben deswegen doch besser gerüstet und nicht wehrlos. Dem Gläubigen kann klar gemacht werden, was richtig und was falsch ist, was de fide gilt oder nur eine theologische Meinung darstellt. Das hätte auch Karl Barth neidvoll eingestanden.

An der „Moderne“ mit allen ihren namenlosen Greueln sind jedoch Luther und die anderen Reformatoren unschuldig. Der deutsche Bundespräsident Roman Herzog bezeichnete 1996 - anläßlich des 450. Todestages von Martin Luther - den Reformator als Vorvater der Moderne. Ein Glück, daß diese wohlgemeinte, aber doch ungeheuerliche Anklage nicht aus dem Mund eines katholischen Christen kam!

Die Reformation war als „konservative Revolution“ für einige Jahrhunderte erfolgreich, aber einige Jahrhunderte sind für Gott nicht einmal ein Augenblick. Was aber ist die Moderne politisch? Heute - 1997 - könnte man sagen: die Vorherrschaft der Demokratie, des Liberalismus und der Naturwissenschaften einschließlich der Technik, wobei aber auch zu bedenken ist, daß Plato und Aristoteles in der Demokratie die Vorstufe zu einer egalitären Tyrannis sahen.[20]

Die Demokratie fordert Gleichheit und Mehrheitsherrschaft, Begriffe, die Luther auf das Schärfste bekämpfte, denn für den „gemeinen Mann“ hatte er nichts als Verachtung, wenn nicht sogar Haß übrig. Wie schrieb er doch in seiner Kirchenpostille „ Am Tage der Opferung Christi in dem Tempel“:

“Also muß die Obrigkeit den Pöbel, Herrn Omnes treiben, schlagen, würgen, henken, brennen, köpfen und radebrechen, daß man sie fürchte, und das Volk also in einem Zaune gehalten werde. Denn Gott will nicht, daß man das Gesetz dem Volke allein vorhalte; sondern daß man auch daßelbe treibe, handhabe und mit der Faust ins Werk zwinge … Also ist es nötig, daß die Treiber des Gesetzes über dem Volke halten, und den rauhen ungezogenen Herrn Omnes zwingen und treiben, wie man wilde Tiere treibe und zwinge.“[21]

Und in seinen „Tischreden“ hören wir klipp und klar: Principes mundi sunt dei, vulgus est Satan.[22] Das alles klingt kaum „demokratisch“ und wurde in ähnlicher Weise von keinem katholischen Theologen gesagt. Auch seine folgende Äußerung klingt nicht liberal: „Daher so große Klage ist über Gesind und Dienstleute in der Welt. Es ist des Teufels und des Papstes Schuld und der Fürsten, daß kein Regiment ist, es thut jedermann, was er will.“ Oder auch: „Der Esel will Schläge haben und der Pöbel will mit Gewalt regiert werden: das wußte Gott wohl.“[23]

Man könnte noch viele solcher Aussagen zitieren und den Niederschlag solcher Theorien sieht man in den Statistiken. So wurden in Großbritannien im Jahre 1811 über 6.400 Menschen zum Tode verurteilt, im napoleonischen Frankreich bei einer damals mehr als zweimal so großen Bevölkerung 392, was eine Relation von 1 zu 42 ergibt.[24]

Wenn man in der Christenheit nach demokratischen Ideen sucht, findet man diese eher bei einer Reihe von mittelalterlichen und auch neuzeitlichen Sekten, aber ebenfalls beim Jesuiten Francisco Suárez, dessen naturrechtliche Theorien fernab vom „leidenden Gehorsam“ Martin Luthers waren.[25] Auch aus den Werken von Bellarmin läßt sich eine demokratische These herauslesen!

Oft wird Luthers rabiater Judenhaß als Vorstufe und Inspiration zur Schoah zitiert, aber dieser Haß war keineswegs rassisch bedingt, obwohl der Reformator sehr „national“ fühlte und für Nichtdeutsche kaum gute Worte hatte.[26] Es stimmt, daß er alle Synagogen niederbrennen wollte und darauf bestand, auch die übriggebliebenen Eckpfeiler einzureißen, daß man die Juden und Jüdinnen zwingen sollte, im „Schweyss ihrer Nasenlöcher“[27] mit Schaufel, Rechen, Äxten und Spinnrocken zu arbeiten, oder auch, englischem und spanischem Beispiel folgend, sie nach Verbrennung ihrer Bücher auszuweisen.[28] Tatsächlich hat Streicher in Nürnberg gesagt, daß Luther, wäre er noch am Leben, neben ihm auf der Anklagebank säße.[29]

Doch die Ursache von Luthers Wut ist nicht „biologisch“,[30] sie ist lediglich seinem cholerischen Temperament zuzuschreiben. Da er überzeugt war, daß der Papst der Antichrist wäre und die Ansicht herrschte, daß die Bekehrung der Israeliten das Kommen des Antichrist verkünde,[31] wollte er deren Massenbekehrung inszenieren und schrieb zu diesem Zweck ein einladendes Büchlein: Das Jhesus Christus eyn geborener Jude sey.[32] Doch das erhoffte Echo blieb völlig aus - daher die Wut, die seiner Enttäuschung entsprang.

Auch daß Luther als Befürworter einer persönlichen Auslegung der Bibel sehr liberal war, ist ein (eher katholisches) Ammenmärchen. Er glaubte an die Unfehlbarkeit, freilich nicht an die des Papstes, sondern an seine eigene.[33] Es fragt sich überhaupt, wie man liberal sein kann, wenn man an der Freiheit des Willens zweifelt und im Menschen nur eine Marionette, einen Hampelmann Gottes, sieht?[34]

Welche Auswirkung aber hatte die Reformation auf die katholische Kirche? Ohne Luther hätte es kein Konzil von Trient gegeben, keine Gegenreformation, keinen Übergang von der Renaissance zum Barock und vom Barock zum Rokoko und auch nicht die vielen Heiligen, die der Stolz unserer Kirche und unseres Glaubens sind.

Es war natürlich nicht die Hölle, die unseren Bildungsbürgern vorschwebt, aber auch nicht das Paradies unserer Romantiker. Man muß nur daran denken, daß die Kirche noch sehr viel Gepäck aus dem Alten Testament mit sich schleppte,[35] daß der christliche Geist bei uns noch lange nicht so „akkulturiert“ war, wie wir es uns vorstellen,[36] daß die Kirche sich vor dem Staat immer wieder erniedrigte, so zum Beispiel mit der Inquisition, die eine staatliche Einrichtung war und nur auf staatlichem Befehl da und dort errichtet oder abgeschafft wurde.[37] Das Wort des Augustinus über die paupera et inops ecclesia entsprach immer der Wirklichkeit, denn die „allmächtige Kirche“ ist lediglich ein Schreckbild für „Gebildete“. Die Kirche war immer nur so mächtig, wie die Sonne, also der Staat dem Mond, der Kirche Licht verleiht.

Canossa? Nur durch den Druck der deutschen Fürsten wurde der Bußgang Heinrichs IV. nötig, und am Ende dieses Streits zwischen Kirche und Staat stirbt Gregor VII. als Flüchtling in Salerno mit den Worten des Psalmisten: „Dilexi iustitiam et odi iniquitatem propterea morior in exilio“. Was aber machten die Reformatoren? Sie errichteten zahlreiche Staatskirchen, die staatlich kontrolliert waren. In den USA existierten diese sogar noch im 19. Jahrhundert.[38]

Soviel über das Mittelalter. Doch ohne Reformation hätte es eben keine katholische Erneuerung gegeben und damit keine katholische Blütezeit. Wir gingen mit dem Konzil von Trient durch einen wahrhaft homöopathischen Heilungsprozeß. Nietzsche hatte von seiner Warte aus nicht ganz Unrecht, wenn er sagte, daß ein fanatischer Mönch durch seine Aktion das Christentum nicht in Schönheit sterben ließ.[39] Wer an die Versprechung Christi glaubt, bis an das Ende der Tage bei uns zu bleiben, kann darüber hinweggehen, aber historisch betrachtet stimmt es, wenn man in der Reformation ein Ereignis sieht, das der katholischen Kirche und ihrem Glauben einen großen Aufschwung, ja die wahre Profilierung gegeben hat.

Man darf auch nicht vergessen, daß der „Protestantismus“ der Welt keine neue Kultur gegeben hat, daß zum Beispiel die aufblühende Malerei in den deutschen Landen im Keim erstickt wurde.[40] Es gibt zwar eine Reihe von bedeutenden, evangelisch geborenen Schriftstellern und Künstlern - denken wir da nur an J. S. Bach, an Händel, Rembrandt, Turner, Whistler, Milton, Goethe und Schiller, um nur die Spitzen zu erwähnen,[41] aber die Tatsache bleibt bestehen, daß die „Kunst die Enkelin Gottes“ ist, also die Tochter der Kirche.

Man bedenke, daß die erste Kirche nach der Reformation in Leipzig erst 1870 gebaut wurde.[42] Dabei soll gar nicht geleugnet werden, daß es im evangelischen Bereich Europas mehr Naturwissenschaftler und Technologen, daher auch mehr Telefonanschlüsse, Fernseher und Badezimmer gibt als in der katholischen Domäne. Aber der geistig-künstlerische Touristenstrom wird, ob in Europa oder der ganzen westlichen Hemisphäre, immer vom Norden in den Süden gehen und nicht umgekehrt. Die dolce vita ist katholisch und nicht evangelisch.

Eine, wenn auch ins Sektenwesen aufgesplitterte, evangelische Orthodoxie (oft als „Fundamentalismus“ angeprangert) wird man heute am ehesten in Nordamerika finden, das ja im Wesen (was die Europäer nicht wissen) sehr konservativ ist. Der Amerikaner liebt das wirklich Neue ganz und gar nicht, sondern will das Alte nur in einer bigger and better Ausgabe haben.

Everett Dean Martin, ein Pastor, hat gesagt, daß die Amerikaner keine „modernen Menschen“ seien, weil sie sich nie aus dem Mittelalter „herausgedacht“ hätten.[43] Sie bauen immer noch Kirchen im gotischen oder manchmal im kolonialen Stil. Auch sind sie fideistisch und „anti-intellektuell“ wie ihre britischen Vorväter.[44] Freilich, manchmal durchbrechen sie ihren konservativen Panzer, was abschreckende Folgen hat, gerne exportieren sie dann ihren größten Mist, der von unserem Pöbel aller Schichten gierig aufgeleckt wird und zum interkontinentalen Mißverständnis verhängnisvoll beiträgt. Luther und besonders Kalvin sind drüben viel mächtiger als hier. „Episkopale“, d. h. Anglikaner, sind nur mehr mit 1% vertreten, Baptisten mit 12%, Katholiken, die größte Religionsgemeinschaft, mit mehr als 25%.

Wir müssen uns also vor Augen halten, daß sich der katholische Geist als „allerweltlicher Geist“ in seinem heutigen intellektuellen und künstlerischen Wesen zu einem nicht geringen Teil im Widerspruch zur Reformation herausgebildet hat. Vieles, was wir als „echt katholisch“ empfinden, ist eigentlich durch die Reformation ausgelöst worden.[45]

Ist es vermessen, diese für uns so positive Rolle der Reformation als gottgewollt anzusehen? Wir können die „göttliche Ökonomie“ schwer durchschauen. Sicher ist, daß die 200 Jahre nach Luther eine katholische Hoch-Zeit waren: All die Heiligen, viele von ihnen Märtyrer, große Theologen, herrliche Kirchen- und Klosterbauten und schließlich die Missionen, die ihre Arbeit im ganzen Erdkreis primär oft „rational“ beginnen mußten.

Zweifellos können wir den Glauben nicht rein fideistisch verbreiten. Das Herz kann zwar durch die Kunst angesprochen werden, aber das Hirn nur durch die Ratio. Dies hatten die Jesuiten in Polen, einem Land, das im 16. Jahrhundert zu einem Drittel calvinistisch und zu einem weiteren Drittel sozinianisch-unitarisch war, als Gegenreformatoren wohl gewußt.

Es waren auch die Jesuiten, die die Gloria des barocken Stils förderten und die Schöpfer des modernen Theaters waren. Freilich spielte auch das „Glück“ eine Rolle: Die Reformatoren versprachen den Fürsten eine willige Kirche und viel Vermögen, aber die Häuser Wittelsbach und Habsburg blieben standfest. Österreich war zu 80% evangelisch und wir verdanken unseren Glauben nicht nur Gott, sondern auch der Geschichte des Landes, in dem wir geboren sind, einer Geschichte von Menschen geformt, aber wohl von Gott zugelassen. Gratia suponit naturam!

Die Reformation war bitter notwendig, um die Kirche zu stärken und zu erneuern. Das Konzil von Trient kann an konstruktiver Bedeutung in diesem Jahrhundert nur mit dem ersten Vatikanum verglichen werden. Was der „Protestantismus[46] heute in Europa darstellt, hat Luther - doch ein genialer Mann! - natürlich nicht gewollt - sicher keine EKD, wie sie sich heute auf Kirchentagen darstellt. Müßte er einen solchen besuchen, würde er wohl Hals über Kopf ins nächste Augustinerkloster fliehen. Und was könnte er schon mit Bultmann anfangen?

Luther war kein Heiliger, aber wahrscheinlich doch ein Knecht seines Gewissens. Georges Bernanos hat ihn sicher besser verstanden als Jacques Maritain, der, aus calvinistischer Familie stammend, vom Unglauben her konvertierte und in seinem Bestseller Trois Reformateurs über Luther restlos den Stab brach. In seinem Tagebuch eines Landpfarrers ließ Bernanos seinen Helden, den Pfarrer von Torcy, gefragt werden: „Beten Sie auch für Luther?“ - „Alle Tage“, antwortet dieser. „Schließlich heiße ich auch Martin.“[47] Sollten wir es nicht auch so halten?

Luther war eine tragische Figur, oft ein großer Hasser, der aber dann doch dem Ablaßprediger Tetzel vor dessen Tod einen sehr warmherzigen Brief schrieb[48] und ihn von aller Schuld freisprach; sicherlich ein Gegner, aber doch auch ein Wohltäter unserer Kirche. Gott schreibt eben gerade auf krummen Zeilen. Wir müssen seine Tätigkeit heilsgeschichtlich betrachten. Auch die uns so unglückselig erscheinende „Reformation“ - die ja unter Anführungszeichen gesetzt werden muß - hat anscheinend Ad maiorem Dei et Ecclesiae gloriam stattgefunden.

Verweise



Einzelnachweise

  1. Siehe mein Liberty or Equality (Caldwell: London 1952) und das neue Vorwort in der „Jubilee Edition“ (Christendom Press: Front Royal, 1993).
  2. Siehe Karl Pfleger, Geister, die um Christus ringen (Kerle: Heidelberg 1959).
  3. Die Französische Revolution war eine sadistische Sexorgie, deren Einzelheiten die Schrecken der National- und Internationalsozialisten in ihrer Qualität, nicht der Quantität, weit übertreffen. Siehe Reynald Secher, Le Genocide Franco-Franqais (Presses Universitaires de France: Paris 1986).
  4. Die Kritische Gesamtausgabe der Werke Luthers (Böhlau: Weimar) wurde erst 1987 abgeschlossen.
  5. Siehe Friedrich Heiler, „Luthers Bedeutung für die christliche Kirche“, in A. v. Martin (Hg.) Luther in ökumenischer Sicht (Fromann: Stuttgart 1929), S. 167f.
  6. Für Thomas von Aquin war Mut eine höhere Tugend als Keuschheit. Vide Summa II, II 142,8.
  7. Luther glaubte an die Realpräsenz durch den Glauben der Gläubigen, doch sehen evangelische Theologen den Ausdruck „Konsubstantiation“ nicht gerne.
  8. In Marburg zeigt man heute noch die Sitzordnung der Theologen in jenem Zimmer des Schloßes, in dem die Unterredung stattfand.
  9. Siehe u.a. Martin Luther, Gesammelte Werke (Erlanger Ausgabe: Erlangen 1850), Bd. 44, Evangelium Matthäi: „Lasset die Kindlein zu mir kommen!“, S. 156-158. (Ich fürchte, daß Luther die mikroi in Matthäus 18,6 für „gläubige Kinder“ hielt.)
  10. Da Luther die Rechtfertigung durch die Gnade allein erwartete, nannte er den Jakobus-Brief, der die guten Werke erwähnt, eine „stroherne Epistel“.
  11. Die Universitäten wandten sich gegen Luther. Siehe Herbert Schöffler Die Reformation (Vittorio Klostermann: Frankfurt a. M. 1936), S. 50ff.
  12. Auch St. Thomas Morus, Freund von Erasmus, sollte hier genannt werden.
  13. So auch von einem Psychiater. Vide Paul J. Reiter, Martin Luther, Hans tid, hans personlighed og forudsaettningeme for hans reformatorisk verk. En psykiatrisk-historisk Studie (Westermanns Forlag: Kopenhagen 1946), 2 Bde. Im 2. Band wird auf Seite 148—159 Luther als Wegbereiter des Nationalsozialismus skizziert. Von diesem Werk gab es eine deutsche Ausgabe, die aber auch in Dänemark erschien.
  14. In den Provinzen Hunan und Quanxi wurden „Klassenfeinde“ hingerichtet und die Bevölkerung mußte sie dann buchstäblich auffressen. Dabei kam es vor, daß Studenten ihre Professoren „verspeisen“ mußten. Siehe Guy Sorman Le Capital, suite etfin (Fayard: Paris 1995), S. 13 und Das Parlament 12/19, November 1993.
  15. Pol Pot und zwei seiner Genossen studierten an der Sorbonne mit einem französischen Stipendium. Auch Ho-Chi-Minh und Dzhu-En-Lai sogen ihr Gift auf französischen Universitäten ein.
  16. Vide Alexander Rüstow, Ortsbestimmung der Gegenwart (Rentsch: Erlenbach-Zürich, Bd. 2, S. 221.
  17. Siehe F. W. Kampschulte, Johann Kalvin, Seine Kirche und sein Staat in Genf (Drucker und Humblot, Leipzig 1869, 1899), 2 Bde. Dabei war Genf vor der Reformation eine äußerst lebenslustige Stadt gewesen, so auch Schottland! Siehe Wallace Notestein The Scot in History (Yale University Press: New Haven 1946), S. 85,103,116. Einen großen konfessionell bedingten Unterschied in der Lebensart fand man zwischen der katholischen Insel South-Uist und dem benachbarten Lewis in den äußeren Hebriden. Siehe Halliday Sutherland, Arches ofthe Year (Morrow: New York 1933), S. 284. Der Mangel an Frohheit ist nach der Summa Theologica, H., II. qu. 169, art. 4 ausgesprochen sündhaft.
  18. Bei der Zweihundertjahrfeier der Französischen Revolution war man sehr vorsichtig. Nicht einmal der Sturm auf die Bastille mit seinen Atrozitäten wurde erwähnt doch immer wieder die „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“, die im Schatten der Guillotine der Verfassung einverleibt worden war.
  19. Über den christlichen Humanismus siehe u.a. Herbert Werner Rüssel, Gestalt eines christlichen Humanismus (Pantheon: Amsterdam 1940) besonders S. 142-147.
  20. Plato und Aristoteles sahen die Entwicklung der Demokratie in die Tyrannis als völlig natürlich an. Platos Politeia (VIII-IX) liest sich wie eine Schilderung der deutschen Geschichte 1931-1933. Beide Philosophen waren überdies durch das Schicksal des Antidemokraten Sokrates traumatisiert.
  21. Siehe Luthers Gesammelte Werke (Erlanger Ausgabe), Bd. 15, S. 258-259
  22. Siehe Luthers Kritische Gesamtausgabe, Tischreden (Weimar 1912), Bd. l, Nr. 171,8.79.
  23. vide M. Luther, Gesammelte Werke (Erlanger Ausgabe), Bd. 33, S. 389.
  24. vide Graf Emmanuel Las Cases, Denkwürdigkeiten von Sanct-Helena (Cotta: Tübingen 1823), Bd. l, S. 285. In Italien wurde während des Faschismus zwar Matteotti ermordert, aber die Todesstrafe bis 1940 nie ausgeübt. Auch die gescheiterten Attentäter auf Mussolini kamen nur ins Gefängnis. (Luigi Capellos Eltern bekamen sogar eine Pension, weil der eingesperrte Sohn ihr Ernährer war.) In derselben Zeit wurden in den Vereinigten Staaten hunderte Verbrecher hingerichtet.
  25. Francisco Suárez SJ leitete die Autorität vom „Volk“ ab, doch gerade dieser Begriff verursacht Kopfzerbrechen.
  26. Man darf nicht vergessen, daß man von den Mauern Wittenbergs die strohgedeckten Dächer der Dörfer der Wenden sehen konnte. Kein Zunftmitglied in Wittenberg durfte einen slawischen Großelternteil haben.
  27. Wörtlich heißt es so in Genesis: Beze’ät appäka! Doch ist Luther mit seiner Übersetzung der Heiligen Schrift am christlichen Antijudaismus mitschuldig. Er hat den heulenden Mob, der zur Verurteilung Christi führte, als „Juden“ und nicht richtig als Judäer bezeichnet, Angehörige nur eines Stammes. (Nicht nur der griechische Urtext, sondern auch die Vulgata unterscheiden immer deutlich, siehe z.B. Paulus 2, Korr. 22-24, Phil. 2,5 oder gar Job. 7,1). Leider haben auch katholische Autoren (einschließlich der Bible de Jerusalem) diesen Unsinn wiederholt.
  28. Immer spricht man vom Exil der spanischen Israeliten, aber Spanien folgte nur dem englischen Beispiel. (Doch ließen sich massenhaft spanische Israeliten taufen und blieben im Lande. Vide Bartolome Bennassar, L’Inquisition espagnole au XV-XIX siede [Kachelte: Paris 1979], 5. Kapitel. Etwa zwei Drittel, zwischen 200.000 und 250.000.) Die polnischen Israeliten waren Flüchtlinge aus Deutschland, die der Einladung Kasimirs des Großen gefolgt waren.
  29. Diese Aussage Julius Streichers, des Herausgebers des Stürmers, findet sich in den Nürnberger Protokollen (29. April 1946) und auch im Philadelphia Record vom 30. April 1946.
  30. Der rassische „Antisemitismus“ war früher unbekannt. Israeliten, die sich im alten Polen taufen ließen, wurden als Verwandte Christi automatisch in den Adel aufgenommen.
  31. Diese Überzeugung hing von der Deutung des Wortes genos ab. Es muß sicher mit „Volk“, „Stamm“ und nicht mit „Generation“ übersetzt werden.
  32. Diese Schrift wurde 1523 in Wittenberg veröffentlicht.
  33. Luther erlaubte nicht einmal den Engeln, seine Doktrin (ohne die es keine Erlösung gab) zu kritisieren. Siehe seine Gesammelten Werke (Erlanger Ausgabe), Bd. 23, S. 144.
  34. Luther leugnete den freien Willen siehe sein De servo arbitrio im 18. Band der Weimarer Ausgabe aber Melanchthon sorgte dafür, daß das in die „Augustana“ nicht aufgenommen wurde, denn das hätte die damals noch bald erhoffte Wiedervereinigung absolut unmöglich gemacht. Melanchthon wollte auch Luthers Gravamina in Trient vorbringen und machte sich auf den Weg dorthin, aber da wurde das Konzil wieder einmal vertagt.
  35. Das schwere Gepäck des Alten Testaments war man im Mittelalter noch lange nicht losgeworden. So war die christliche Beerdigung in geweihter Erde einer Frau, die nach der Geburt ihres Kindes starb, im Prinzip verboten. Siehe Peter Browe S. J. in seinen „Beiträgen zur Sexualethik des Mittelalters“, in: Breslauer Studien zur historischen Theologie (Müller & Seifert: Breslau 1932). Dieses Verbot bestand auch bei den evangelischen Christen noch weiter.
  36. Man darf nicht vergessen, daß eine Akkulturation des Christentums doch recht lange braucht. So waren noch Anfang dieses Jahrhunderts heidnische Praktiken in Tirol nicht selten. Besonders problematisch die Situation in Schwarzafrika.
  37. Vergeblich versuchte Philipp II. Papst Pius V. zu überreden, im Kirchenstaat die Inquisition einzuführen. Eine sehr gute, kurze Abhandlung über die Inquisition finden wir von A. S. Thurberville im 20. Band der Cambridge Mediaeval History (Cambridge University Press: Cambridge 1921) betitelt „Heresies and the Inquistion in the Middle Ages“.
  38. Das britische Parlament hat in unserem Jahrhundert zweimal eine Revision des Common Prayer Book, die von der anglikanischen Kirche gewünscht wurde, zurückgewiesen. Alle Abgeordneten konnten mitstimmen! Bis in die dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts war die Congregationalist Church in Massachusetts eine Staatskirche und bis in die siebziger Jahre durfte in New Hampshire ein Katholik keine öffentliche Stelle bekleiden. Bis 1952 mußte ein Katholik in Schweden zur Erlangung eines Reisepasses ein Leumundszeugnis seines lutheranischen Pastors vorlegen! Sogar Bischof Erik Müller mußte das tun.
  39. Siehe Nietzsche, Der Antichrist, Nr. 61, wo wir den Bezug auf Luthers Reaktion gegen die Renaissance finden und auch Nietzsches Ressentiment gegen den „Protestantismus“, letzteres vielleicht noch stärker in seinem Der Wille zur Macht, Nr. 51 und 52.
  40. Siehe Alexander Rüstow, „Lutherana Tragödia Artis“, Schweizer Monatshefte, Dezember 1939, S. 891-905.
  41. Vielleicht vermißt der Leser Shakespeare, der aber nach aller Wahrscheinlichkeit katholisch war. Darüber gibt es eine umfangreiche Literatur. Wir erwähnen hier nur die wohlbelegten Bände der evangelischen Clara Longworth de Chambrun und des presbyterianischen Pastors Henry de Groot, beide Amerikaner. Goethe und Schiller waren evangelischen Ursprungs, doch, Schiller verfaßte auch katholische Dramen. Johann Sebastian Bach schrieb viele Messen und sein Sohn Johann Christian konvertierte.
  42. Siehe Alfred Müller-Armack, Genealogie der Wirtschaftsstile (Kohlhammer: Stuttgart 1941), S.214, Anmerkung 66.
  43. Siehe Everett Dean Martin, Liberty (W. W. Norton: New York 1930), S. 79-81. Dieser brillante Denker wurde in seiner amerikanischen Heimat nie genügend beachtet. Der „mittelalterliche“ Charakter Amerikas wird von Grant Woods Gemälde „American Gothic“, dem man am besten Botticellis „Geburt der Venus“ gegenüberstellen kann, geradezu genial ausgedrückt.
  44. Siehe Richard Hofstadter, Anti-Intellectualism in American Life (Jonathan Cape: London 1964), S. 50-51.
  45. Die Behauptung, daß Renaissance und Barock Zeiten höchsten katholischen Glanzes waren, haben viele Katholiken vertreten, so z.B. Giovanni Papini, Ignaz Seipel, Franz Xaver Kraus, E. I. Watkin, Gonzague de Reynold.
  46. Ich vermeide aus ökumenischen Gründen den Ausdruck „Protestant“, außer für evangelische Christen, deren Religion sich im „Antikatholizismus“ erschöpft. Tatsächlich hat heute dieser Ausdruck keinen offiziellen Status in Europa außer in der britischen Krönungszeremonie. Da muß der Monarch schwören, den „protestantischen Glauben“ zu verteidigen, da er in England das Oberhaupt der anglikanischen Church of England, in Schottland aber der presbyterianischen „Kirk“, der Church ofScotland ist. (Die Verdammung der katholischen Messen bei dieser Zeremonie hat erst Georg V. abgeschafft, Eduard VII. hat die Formel nur mehr gemurmelt). Ich benütze nie den Ausdruck „Katholizismus“, der auf einen „Ismus“ hinweisen würde. In päpstlichen Dokumenten sind wir christifideles.
  47. Siehe Georges Bernanos, Journal d’un eure de campagne (Plon: Paris 1936), S. 74.
  48. Humbert Fink, Martin Luther, der widersprüchliche Reformator (Molden und Seewald: Wien-Stuttgart 1983), S. 130.