Gesellschaftsordnung der Germanen

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Die Deutschen

Da die Deutschen aus den Germanen entstanden, wurzelte dort auch ein wesentlicher Teil der sozialen und politischen Verhältnisse der Deutschen im Mittelalter. Wir müssen deshalb zunächst einen Blick auf die Germanen in den Jahrhunderten vor der Völkerwanderung werfen.

Die Bevölkerung verteilte sich ungleichmäßig über das Land. Sie konzentrierte sich in kleinen Siedlungskammern, und unwegsame Urwälder, Sümpfe und Gebirgskämme trennten diese voneinander. Die Germanen lebten teils in Einzelhöfen, teils in Gehöftgruppen von drei bis vier Höfen, sogenannten Weilern. Die einzelnen Höfe waren je nach Reichtum des Besitzers unterschiedlich groß, in ihrer Struktur jedoch alle gleich. Burgen als befestigte Herrensitze gab es nicht, ebensowenig Städte.

Fast alle Germanen waren mit Ackerbau und Viehwirtschaft beschäftigt, und die Rohprodukte wurden fast ausschließlich im eigenen Haushalt zu Lebensmitteln, Kleidung, Haus- und Ackergerät verarbeitet. Nur sehr wenige handwerkliche Tätigkeiten waren Sache von Spezialisten, so die Eisenverhüttung und Schmiedearbeiten. Die Haushalte versorgten sich also fast gänzlich selbst, und wenn sie andere Produkte brauchten, tauschten sie direkt Ware gegen Ware ein.

Da die Arbeitsteilung so gering war, gab es auch keinen nennenswerten Handel. Deshalb prägten die Germanen auch keine Münzen, und wenn römische Münzen in ihren Besitz gelangten, verwendeten sie diese nicht als allgemeine Zahlungsmittel, sondern tauschten sie als Edelmetallstücke genauso wie die übrigen Naturalgüter.

Das Haus

Das Haus stellte das wichtigste Element rechtlicher und sozialer Ordnung dar. Es galt als besonderer Friedensbezirk. Niemand durfte ohne Erlaubnis des Hausherrn die Schwelle von dessen Haus übertreten. Verletzte jemand diesen Hausfrieden, beging er also Hausfriedensbruch, drohten ihm hohe Strafen. Jedes Haus hatte einen Hausherrn. Seine Frau, seine Kinder, solange diese noch keinen eigenen Hausstand gegründet hatten (also gegebenenfalls auch über die Volljährigkeitsgrenze hinaus), und das Gesinde unterstanden der hausherrlichen Herrschaftsgewalt, der Munt.

Der Hausherr hatte eine weitgehende Verfügungsgewalt über die Bewohner seines Hauses. Er konnte verlangen, daß sie ihn in häuslichen Dingen und in Notfällen bei der Fehde unterstützten, und sein Strafrecht ging bis zur Tötung. Dafür war der Hausherr verpflichtet, den Personen, die in seiner Munt lebten, Schutz und Schirm gegen jede Bedrohung zu gewähren und sie mit Nahrung, Kleidung und Wohnmöglichkeit zu versehen. Da Untergebene des Hausherrn keine Rechtspersonen waren, vertrat der Hausherr seine Abhängigen nach außen vor Gericht und bei Rechtsgeschäften, und er haftete für Schäden, die sie außerhalb des Hauses gegen Dritte anrichteten, nicht sie selbst.

Sippen

In historischer Zeit, der Zeit schriftlicher Überlieferung von Ereignissen, verharrten die Germanen bereits längst nicht mehr auf der Kulturstufe eines „Jäger- und Sammlervolkes“. Ausgehend von ihrem ursprünglichen Siedlungsgebieten hatten sie sich bis zum Rhein und in augusteischer Zeit bis zur Donau ausgebreitet. Sie waren bereits seßhaft, betrieben Viehzucht und Ackerbau, und waren hoch organisiert in Sippen[1] und Volksstämmen.[2]

Herrschaft und Schutz waren untrennbar miteinander verbunden: indem jemand seine Abhängigen schützte, erwies er sich als ihr Herr. Dieser Zusammenhang war für das ganze Mittelalter grundlegend. Die Sippe war eine Gruppe von Freien, die durch Abstammung oder Schwägerschaft miteinander verwandt waren. Ihr Inhalt bestand vor allem darin, daß ihre Mitglieder sich bei Fehde und Blutrache gegenseitig unterstützten.

Jeder mußte einer Sippe angehören, wenn er nicht nahezu recht- und schutzlos sein wollte. Im Unterschied zum Haus stellte die Sippe aber einen viel loseren Zusammenhang dar und hatte keine feste Begrenzung. Ihre Struktur war nicht von herrschaftlicher Über- und Unterordnung bestimmt, sondern sie bildete eine genossenschaftliche Verbindung Gleichgestellter, und somit besaß sie keine handlungsfähige Spitze.

Stämme

Über die Sippen wölbte sich der Stamm. Die Stämme waren noch unvollkommene Einheiten, in denen viele Aufgaben den Sippen oder anderen Teilverbänden zur Selbstregelung und Selbstverwaltung überlassen worden waren. Da die Germanen sich gesellschaftliche Zusammenhänge noch nicht als abstrakte Beziehung und Institution vorstellen konnten, faßten sie auch den Stamm als eine Abstammungsgemeinschaft auf, vergleichbar einer großen Sippe. Der Stamm war eine Friedens- und Rechtsgemeinschaft. Alles Recht war auf ihn bezogen und band nur gegenüber Stammesgenossen. Fremde standen ursprünglich außerhalb der Rechtsordnung. Ihnen konnte aber Gastrecht gewährt werden.

Die Sippe[3] unterschied sich nach dem engeren Familienverband[4] und weiteren Familienverband.[5] Die Sippe war Friedens- und Schutzgemeinschaft, Rechtsverband und Kultgemeinschaft. Die Aufnahme erfolgte bei Neugeborenen durch den Hausherren, daneben durch die Geschlechtsleite, der Ausschluß durch die Sippe oder durch Lossagen des Einzelnen.

Ständische Gliederung

Nach Takitus[6] ward das Volk in Stände gegliedert, d.h. die Sippen hatten eine weitere Differenzierung herausgebildet. Auch die Existenz eines Adels war ihm bekannt. Die Stände waren Freie oder Knechte. Diese dienten als Haus- und Hofgesinde oder lebten als angesiedelte Knechte. Knecht wurde man durch Kriegsgefangenschaft, Selbstverknechtung[7] oder unfreie Geburt. Ferner wurden Minderfreie, d.h. in Freiheit entlassene Knechte, und Angehörige stammesverwandter Völkerschaften, die sich fremder Schutzherrschaft unterstellt hatten[8] beobachtet. Im Hause übte der Hausherr die Hausgewalt über alle in der Hausgemeinschaft Lebenden aus. Diese Gewalt gegenüber Familienangehörigen war aber durch Sitte und Sippe beschränkt und bot einen wirksamen Schutz vor Willkür.

Als weitere gesellschaftliche Ordnungsform gab es noch die Gefolgschaften. Von der Masse der einfachen Freien hoben sich einige wenige als adlig ab. Dabei gab es keinen abgeschlossenen Adelsstand mit bestimmten Rechten, der sich klar gegen die einfachen Freien abgrenzen ließe. Wenn man trotzdem von einem Adel bei den Germanen spricht, sind jene gemeint, die sich durch ihre Macht und ihr Ansehen faktisch als adlig erwiesen. Diese Macht beruhte darauf, daß sie wesentlich reicher waren und sich eine Gefolgschaft hielten. Die Gefolgsleute waren meist junge Männer, die freiwillig unter die Munt eines Herrn traten, jedoch im Unterschied zu den Hausgenossen als Freie galten. Zwischen dem Herrn und seinen Mannen bestand ein gegenseitiges Treueverhältnis: der Mann verpflichtete sich seinem Herrn gegenüber zu Rat und Hilfe, dieser gelobte dem Mann Schutz und Unterhalt.

In der Regel lebten die Gefolgsleute auf dem Hof ihres Herrn und besaßen keine Eigenwirtschaft. Es gab aber auch Gefolgsleute, die auf eigenen Höfen wohnten und nur bei besonderem Anlaß zum Hausgefolge stießen. Im Unterschied zu den übrigen Freien arbeiteten die Gefolgsleute ebensowenig wie ihre Herren mit eigener Hand, sondern widmeten sich vorwiegend dem Kampf und Krieg.

Der Unterhalt der Gefolgschaft wurde meist durch kriegerische Beutezüge organisiert sowie durch die Überschüsse gesichert, welche der mit Unfreien bewirtschaftete Grundbesitz des Herrn abwarf.Unter den Germanen herrschte also keineswegs völlige Gleichheit, sondern schon zu dem Zeitpunkt, an dem die Gesellschaftsordnung der Germanen für uns zum ersten Mal in Quellen erkennbar wird, gab es eine deutliche soziale Schichtung in Adel, Freie und Unfreie. Der Adel bildete dabei eine nur kleine Elite.

Das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Freien und Unfreien ist umstritten. Die männlichen Freien und Adligen waren das Volk im politischen und rechtlichen Sinne. Dies war der Inhalt der Unterscheidung von Freien und Unfreien. Über Besitz und wirtschaftliche Tätigkeit sagte sie nichts aus. Die Unfreien rekrutierten sich wahrscheinlich zum größten Teil aus Menschen, die im Krieg gefangengenommen oder unterworfen worden waren, sowie aus deren Nachkommen.

Gaue

In Anlehnung an die bei den Kelten vorgefundene politische Ordnung unterschieden römische Beobachter auch bei den Germanen zwischen

  • civitas, d. h. politisch selbständigen Völkerschaften, geleitet entweder von mehreren Gaufürsten oder einem König und
  • pagus, d.h. regionalen Untergliederungen oder Dorfgemeinschaften innerhalb der Gaue.

Das fränkische Reich folgte der alten Gliederung in Gaue, nun als Grafschaften,[9] die in Hundertschaften unterteilt wurden. Mehrere Grafschaften wurden als Provinzen behandelt, die Amtsherzögen unterstanden. Daneben gab es Herzöge als Häupter der angegliederten Stämme in Bayern, Schwaben und Thüringen.

Streitschlichtung

Streit und Schlichtung

Räubereien waren nichts Entehrendes, sofern sie außerhalb der Grenzen des eigenen Stammes unternommen wurden. Es gab keine mehrere Stämme überspannende Rechts- und Friedensgemeinschaft. Zwischen den Stämmen herrschte gewissermaßen ungeregelter Naturzustand. Innerhalb eines Stammes versuchte man dagegen, Missetaten nicht ungesühnt zu lassen. Die Unfreien unterlagen der Strafgewalt ihres Hausherrn, die sich vor allem in körperlichen Züchtigungen ausdrückte, einem Kennzeichen der Unfreiheit. Die Mitglieder einer Sippe waren verpflichtet, untereinander Frieden zu halten. Kam es trotzdem zu einem Rechtsstreit zwischen Sippengenossen, so schlichtete die Sippe selbst. Wenn ein Sippenfremder einen Sippengenossen in seinem Recht verletzte, so galt dies als Schädigung des Sippenheils.

Um dieses wiederherzustellen, ging dann die verletzte Sippe gegen den Täter oder auch eine andere Person aus dessen Sippe vor. Die Stammesgemeinschaft griff ursprünglich nur bei solchen Delikten strafend ein, die den Stamm als Ganzes berührten, nämlich Delikte gegen Religion und Kult und im Heer, z.B. Verrat und Desertion. Der Täter wurde zum Tode verurteilt oder er verfiel, falls er flüchtig war, der Acht: auf Beschluß des Things stieß die Sippe ihn aus ihrer Schutzgemeinschaft aus, so daß er recht- und friedlos wurde, ein einsamer, heimatloser Waldgänger, der von jedermann erschlagen werden durfte und mußte.

Sein Leichnam blieb unbegraben den Vögeln zum Fraße liegen - er war „vogelfrei“. In den meisten Rechtskonflikten war jedoch das Mittel, um sie auszutragen, die Rache durch die Sippe. Das hatte ständig Fehden der Sippen gegeneinander zur Folge, eine schier endlose Kette von Totschlag, Raub, Brand und Verwüstung. Ein Totschlag zog leicht zehn weitere nach sich. Das heißt nicht, daß die Germanen das Recht verachtet hätten, sondern in der Fehde übten die Sippen in legitimer Weise Gewalt aus.

Da es eben noch keinen Staat gab, der ein Monopol legitimer Gewaltanwendung hätte haben können, war die rechtliche Selbsthilfe der Sippen die logische Folge. Im Laufe der Jahrhunderte bemühte sich die Gemeinschaft dann verstärkt, die dauernde Fehdeführung der Sippen einzuschränken, indem sie darauf drang, auf die Rache zu verzichten und statt dessen eine Bußezahlung als friedlichen Ausgleich anzunehmen.

Falls die beiden streitenden Parteien sich hierüber nicht zu einigen vermochten, konnten sie vor dem Thing des betreffenden Gaues verhandeln. Dabei tagten die freien Männer eines Gaues unter Vorsitz eines Adligen als Gericht. Aber niemand war gezwungen, vor Gericht zu gehen, und vollstrecken mußte der Kläger das Urteil bei Bußen selber, wodurch das Verfahren oft wieder in gewaltsame Auseinandersetzung umschlug.

Viele hielten ohnehin weiter zäh an der Blutrache fest, da die Geschädigten es oft als Verletzung ihrer Ehre auffaßten, für den Totschlag eines Verwandten eine Geldbuße anzunehmen, und ferner auch deshalb, weil die Bußen sehr hoch waren und die Täter diese meist nicht aufbringen konnten, wenn nicht ihre Sippe für sie einstand. In der Zeit der Völkerwanderung und vor allem des fränkischen Reiches unter den Merowingern und Karolingern änderte sich die gesellschaftliche und politische Ordnung der Westgermanen nach und nach und sah schließlich in der Mitte des 10. Jahrhunderts wesentlich anders aus.

Grafen

Oberster Beamter der Grafschaft war der vom König ernannte Gaugraf,[10] der das Heeresaufgebot einzuberufen und zu führen hatte. Daneben war er seit dem 6. Jahrhundert auch Gerichtsvorsitzender seines Bezirks und übte die Ordnungsgewalt aus und war für das Finanzwesen[11] zuständig.

Die wirtschaftlichen Beziehung der Menschen zueinander regelte das Lehensverhältnis, das persönlich war und folgerichtig mit dem Tod des Beliehenen (Mannfall) oder des Verleihers (Herrenfall) erlosch, aber durch die jeweiligen Erben erneuert werden konnte. Sehr früh zeigte sich auch hier die Tendenz zur Erblichkeit, hier in einer Art Leihezwang, einer fast verpflichtenden Gewohnheit.

Die Stellung der Kirche basierte auf der alten germanischen Tradition der Eigenkirchen, d. h. die Pflege der Religion oblag dem Gemeinwesen und dem Fürsten bzw. den Hausherrn. Der König war Herr der Volkskirche, errichtete Bistümer, ernannte Bischöfe oder behielt Einfluß bei der Bischofswahl, berief Synoden. Geistliche wurden zu Vasallen des Grundherren, Bischöfe zu Vasallen des Königs. Unter dem Heiligen Bonifatius wurde die fränkische Kirche reorganisiert und auf die Zentralisierung zugunsten des Papstes ausgerichtet, blieb aber de facto im Kirchenregiment des Königs.

Ende des 8. Jahrhunderts erneuerte Karl der Große sein ererbtes und erobertes Reich grundlegend, ließ die Grafschafts- und Gaueinteilung überarbeiten, erneuert die Reichskirche, die Schrift, die Hofkanzlei usw. Wir erkennen eine karolingische Renaissance des alten römischen Reiches und Rechts. Zur Kontrolle der Grafen werden Königsboten[12] entsandt, die die Amtsführung beaufsichtigten und Gerichtstage im königlichen Auftrag hielten.

Thing

Wenn es bei den Germanen keine Staaten gab im Sinne überpersönlicher Organisationen mit Beamten, Soldaten, Richtern und Steuern, wer sorgte dann für Sicherheit und Frieden innerhalb des Stammes, wer organisierte die Kriegführung gegen andere Stämme, sei es in Verteidigung oder Angriff? Die Gesamtheit der freien Männer bildete als Fußsoldaten das Heer. Die Freien waren also zugleich Bauern und Krieger. Die Versammlung aller freien Männer eines Stammes, der Allthing, war zugleich Volks- und Heeresversammlung. Sie tagte, vom Adel geleitet, an einem bestimmten Ort unter freiem Himmel und beschloß über Krieg und Frieden, und sie war auch oberstes Gericht.

Königsverfassung

Mit Königtum, Lehnswesen und Grundherrschaft wurden neue Ordnungselemente bestimmend, und Heerwesen, Gerichtswesen und gesellschaftliche Gliederung wandelten sich grundlegend. Diese Veränderung war nicht auf den Willen einer einzelnen Person zurückzuführen, sondern ergab sich aus dem Zusammen- und Gegeneinanderwirken vieler als allmählicher, unbeabsichtigter Entwicklungsprozeß.

Der wesentliche Antrieb hierfür lag darin, daß sich das kleine Volk der Völkerwanderungszeit zum fränkischen Großreich ausweitete. Im einzelnen wirkten mehrere Tendenzen ineinander und nebeneinander, die sich in den verschiedenen Teilräumen auch in unterschiedlicher Weise durchsetzten, so daß wir von dieser Umwandlung ein stellenweise etwas unklares Bild haben. Doch die Hauptrichtung ist unverkennbar: sie lief darauf hinaus, das herrschaftliche Element zu stärken gegenüber der Mitwirkung der vielen und gegenüber deren Freiheit, und sie vergrößerte die soziale Spannweite und Spannung zwischen „oben“ und „unten“ auf Kosten der Gleichheit.

In den ständigen Kämpfen der Völkerwanderungszeit war eine Führung nötig, aus der das Königtum hervorging. Es gipfelte schließlich in der Herrschaft der fränkischen Könige über alle westgermanischen Völker des Festlands. Durch das Königtum gewann die politische Ebene oberhalb der Sippen gewaltig an Bedeutung, die vor der Völkerwanderung nur schwach ausgebildet gewesen war.

Indem das fränkische Reich sich so weit ausdehnte, wurde ein Allthing als Versammlung aller Freien undurchführbar. Im 8. Jahrhundert hörte er auf und schrumpfte zu einem Hoftag, zu dem der fränkische König nur noch die mächtigsten Adligen zusammenrief, um sich von ihnen beraten zu lassen. Die oberste Gerichtsgewalt und das Recht, über Krieg und Frieden zu entscheiden, gingen vom Allthing praktisch auf den König selbst über.

Bei den meisten Tagungen des lokalen Gerichtsthings nahmen nicht mehr alle Freien teil, sondern statt dessen nur noch sieben Schöffen, die aus dem Kreis der Freien ausgewählt wurden. Insgesamt wurden also die Mitwirkungsmöglichkeiten bei politischen Entscheidungen und im Gericht für weite Kreise drastisch beschnitten. Der Sippengedanke geriet immer mehr in den Hintergrund und verschwand schließlich.

Die Königsverfassung löste allmählich die ältere Prinzipatsverfassung ab, zunächst bei Ostgermanen wie Goten, Wandalen und Burgunden, dann bei den Westgermanen (Franken, Alemannen, Langobarden), nicht aber bei den Sachsen. Der Römische Einfluß auf die politische Ordnung der Ostgermanen wurde bereits früh spürbar. Es kam zur Annahme römischer Titel und Würden durch Könige der germanischen Stämme und zur Übernahme römischer Einrichtungen und Verwaltungsgepflogenheiten. Die westgermanischen Stämme wurden erst in fränkischer Zeit stärker beeinflußt.

In der fränkischen Zeit wurden nach dem Vorbild römischer Edikte und Dekrete in der königlichen Kanzlei Anordnungen erlassen, d.h. neben dem herkömmlichen Gewohnheitsrecht entstand ein eigenes Recht aus königlicher Initiative. Die Grundherrschaft knüpfte an gallo-römische Vorbilder an: Grundherren verteilten Boden zu „Leiherecht“ an einheimische Hintersassen, die dafür Zinsen und Fronden zu leisten hatten. Die Erblichkeit des Königsamtes in der königlichen Sippe anstelle des Wahlkönigtums erlangte größere Bedeutung.

Erst bei Verfall der merowingischen Königsmacht wurde Hausmeier Pippin III. im Jahre 751 durch Wahl zum neuen König mit Erbrecht bestimmt. In gleicher Weise erfolgte die Wahl Arnulfs von Kärnten nach Absetzung von Karl „dem Dicken“. Das Wahlprinzip gewann immer dann an Gewicht, wenn eine Dynastie ausstarb oder ihrem Herrscheramt nicht gerecht wurde. Gelegentlich erfolgte eine Wahl als Bestätigung einer bereits getroffenen königlichen Entscheidung, so 768 die Wahl der Söhne Pippins oder 771 die Wahl Karls als Alleinherrscher.

Der Amtsantritt des Königs erfolgte in Anlehnung an die germanische Schilderhebung bei den Merowingern durch Thronerhebung. Für manche Könige ist ein Umritt im Reich als Zeichen der Besitzergreifung bezeugt. Dieser Umritt wurde von Heinrich II. bis Konrad III. zum festen Brauch.

Königsinsignien

Als sichtbare Zeremonie der Königserhebung wurde spätestens seit Pippin die Krönung üblich, jedoch nicht zum rechtsverbindlichen Akt. Heinrich I. wurde 919 erhoben, aber nicht gekrönt. Eine andere, ältere Form war die Übergabe von Herrschaftsinsignien wie Speer oder Lanze. Schon vor 481 führte Childrich eine Sigelgemme mit Lanze als Herrschaftszeichen. 585 übergab Guntram seinem Neffen Childebert eine Lanze als Symbol: „Hoc es indicium, quod tibi omne regnum meum tradidi“.

In langobardischer oder karolingischer Zeit[13] entstand die Heilige Lanze, Ende des 8. Jh. das Reichsevangeliar, im ersten Drittel des 9. Jh. entstand die Stephansbursa in Aachen. Weitere Teile des späteren Kronschatzes[14] folgten nach.[15]

Daneben trat, nach biblischen Vorbildern (Saul, David), die kirchliche Salbung (bei Pippin (III.) hatte dies noch den zusätzlichen Effekt, den Mangel an angeborenem königlichen Charisma zu kompensieren).


Verweise


Einzelnachweise

  1. Wohngemeinschaften / Familienverbände
  2. sippenübergreifend, vielleicht während der Wanderungen entstanden.
  3. got. sibja; ahdt. sippa; mhd. sippe
  4. die von einem gemeinsamen Ahnen abstammenden Männer, die Speer- oder Schwertmagen, Agnaten
  5. Blutsverwandte Frauen – die Spindel- oder Kunkelmagen / Cognaten- und deren Ehemänner.
  6. um 100 n. Chr.
  7. z.B. bei Zahlungsunfähigkeit
  8. Liten
  9. comitatus
  10. comes
  11. Erhebung von Abgaben, Maut, Marktzöllen, Herdgeldern
  12. missi dominici
  13. 8. - 9. Jh.
  14. „das riche“
  15. 10. Jh. Reichskrone, 11. Jh. Reichskreuz, 11. Jh. Reichsschwert), ergänzt durch den Kronschatz von Palermo (Sandalia um 1130, Pluviale 1133, Dalmatica 1140, Strümpfe 1170, Alba 1181, Zeremonienschwert 1220