Großösterreich-Plan

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Der Großösterreich-Plan sah einen staatsrechtlichen Zusammenschluß aller österreichischen Länder mit denjenigen des Deutschen Bundes als Staatenbund vor (Das 70-Millionen-Reich).


Der Plan

Österreich schlug vor, daß alle nichtdeutschen habsburgischen Länder dem Deutschen Bund beitreten. Die Durchführung dieses Plans hätte die österreichische Vorherrschaft in Deutschland gefestigt. Ferner wurde der Vorschlag einer Zollunion mit Weltmacht-Ambitionen gemaht.

Die Initiative

Eine wichtige Initiative in diese Richtung war der Plan des österreichischen Regierungschefs Felix Fürst zu Schwarzenberg vom März 1849. Der Beitritt von Ungarn und Norditalien zum Deutschen Bund hätte die notwendige österreichische Vorherrschaft in Deutschland erheblich gefestigt. In eine ähnliche Richtung gingen die Überlegungen seines Handelsministers Karl Ludwig von Bruck vom Oktober 1849: Er entwarf die Umrisse einer entsprechenden Zollunion mit Weltmacht-Ambitionen.

Ausgangslage

Die Frankfurter Nationalversammlung von 1848/1849, eine Versammlung des Deutschen Bundes, wollte aus Deutschland einen Bundesstaat machen, ein Deutsches Reich. Dabei lagen verschiedene Konzepte vor. Ursprünglich wünschten sich fast alle Abgeordneten, daß das Gebiet des neuen Reiches aus dem bisherigen Bundesgebiet bestand. Dies war die Großdeutsche Lösund, also mit dem bundeszugehörigen Österreich wie bisher. Allerdings forderte die Nationalversammlung fataler Weise, daß nichtdeutsche Gebiete von deutschen zu trennen wären. Die vielen nichtdeutschen Nationalitäten wurden als Hemmnis eines deutschen Nationalstaates angesehen.

Österreich lehnte die Nationalversammlung ab. So gewann dort die kleindeutsche Lösung an Anhängern. Demnach sollte der Bundesstaat aus dem Bundesgebiet außer Österreich bestehen. Der Liberale Heinrich von Gagern, ein maßgeblicher Politiker der Nationalversammlung, schlug einen Doppelbund vor: Der Bundesstaat, ein „engerer Bund“, sollte mit ganz Österreich über einen Staatenbund, einen „weiteren Bund“, verknüpft sein. Als Nachteil sah man durchaus, daß durch die kleindeutsche Lösung Preußen eine dominierende Rolle im neuen Bundesstaat gespielt hätte. Vor allem Süddeutsche, Konservative und Katholiken lehnten es ab, Österreich aus Deutschland zu verdrängen.

Verlauf

Auf dem Kremsierer Reichstag hatte Österreichs Ministerpräsident Schwarzenberg, am 27. November 1848, die Frankfurter Beschlüsse vom 27. Oktober rundweg abgelehnt. Österreich solle nicht zerrissen werden, stattdessen müßten die „gegenseitigen Beziehungen“ zwischen dem „verjüngten“ Deutschland und dem „verjüngten Österreich“ noch bestimmt werden. Konkreter wurde er Anfang März 1849 mit einem Angebot für die deutsche Frage.

Laut diesem Schwarzenberg- oder Großösterreich-Plan sollten die Gebiete Österreichs und Preußens, die noch nicht dem Deutschen Bund angehörten, diesem beitreten. Somit hätte das gesamte Kaisertum Österreich unter dem Schutz des Bundes gestanden und hätte einen mitteleuropäischen Staatenblock geführt, der Österreichs Rolle als Großmacht stärkte. Der erneuerte Bund hätte eine Exekutive mit drei österreichischen und drei preußischen sowie einem bayerischen Mitglied gehabt. In einem Staatenhaus sollten Delegierte der Parlamente der Einzelstaaten vertreten sein. Großösterreich mit seinen rund 70 mio. Einwohnern wäre somit das mit Abstand bevölkerungsreichste Land in Europa geworden. Europa hatte 1850 geschätzt nur etwa 195 mio. Einwohner, davon lebten 39 mio. in Rußland, 30 mio. in Frankreich und 17 mio. in England.

Schwarzenberg war also widerwillig dem Zeitgeist entgegen gekommen, denn eigentlich lehnte er eine deutsche Volksvertretung ab, auch in indirekter Form. Hauptziel war die Bundeszugehörigkeit Norditaliens und Ungarns, um Österreichs Macht dort innenpolitisch und außenpolitisch zu festigen. Das machte den Plan naturgemäß unattraktiv für die Deutschen außerhalb Österreichs, die nicht in die österreichischen Nationalitätenkonflikte verwickelt werden wollten.

Der Schwarzenberg-Plan entzog den Großdeutschen in der Nationalversammlung den Boden. Am 28. März 1849 stimmte eine Mehrheit der Nationalversammlung für die Deutsche Reichsverfassung. Die Verfassung sah theoretisch den Beitritt Österreichs vor, doch die Trennungsparagraphen 2 und 3 machten dies aus Sicht der österreichischen Führung unmöglich. Einen Tag darauf wählte die Nationalversammlung den preußischen König zum deutschen Kaiser.

Für Österreich war es zunächst ein Glück, daß König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen die Verfassung und die Kaiserkrone im April 1849 ablehnte. Doch Schwarzenberg vertraute zu sehr auf die Hochkonservativen in der preußischen Führung. Er glaubte, die Preußen würden auf die Ideen der Nationalbewegung allein aus taktischen Gründen eingehen. Tatsächlich aber war für Preußen ein Bundesstaat durchaus interessant: Damit hätte es die preußische Macht im kleindeutschen Raum ausgebaut, anstatt mit Österreich gegen Revolution und Nationalstaat zu kämpfen. Denn die Zusammenarbeit mit Österreich hätte bedeutet, daß Preußen sich Österreich unterordnen mußte. Gegen dieses Spiel von Preußen mit der Nationalbewegung konnte Schwarzenberg zunächst nichts ausrichten.

Preußen schloß im Mai 1849 das Dreikönigsbündnis mit Hannover und Sachsen und legte damit den Grundstein für die sogenannte Erfurter Union: Dies war die preußische Variante des Gagernschen Doppelbundes von kleindeutschem Bundesstaat und kleindeutsch-österreichischem Staatenbund. Die Erfurter Unionsverfassung war konservativer als die liberale Frankfurter Reichsverfassung, und die Interessen der Mittelstaaten wie Hannover und Sachsen sollten besser berücksichtigt werden. Mit den Rechts-Liberalen und der nationalen Öffentlichkeit wollte Preußen dabei zusammenarbeiten.

Österreichs Handelsminister Karl Ludwig von Bruck ergänzte am 26. Oktober 1849 den Schwarzenberg-Plan um eine österreichisch-deutsche Handelsunion. In Tradition der Gedanken von Friedrich List stellte Bruck sich einen großen Wirtschaftsraum in Mitteleuropa unter deutscher bzw. österreichischer Vorherrschaft vor. Die Zollschranken um diesen Raum hätten ihn freihändlerisch nach innen, aber protektionistisch nach außen gemacht. Dies sollte die österreichische Außenpolitik für die deutsche Nationalbewegung und die anderen Staaten attraktiver machen: wirtschaftlich untermauert und gegen Großbritannien ausgerichtet.

Der Bruck-Plan wurde in der amtlichen Wiener Zeitung veröffentlicht und war mit seinen imperialen Zukunftsphantasien von einer „Weltmacht Deutschland“ höchst bemerkenswert. Der prodeutsche, nationalistische Ton konnte die Nationalbewegung ansprechen und kam vor allem in Süddeutschland gut an, wo man auf Schutzzölle vertraute. Es sah jetzt so aus, als wenn nicht nur Preußen, sondern auch Österreich nicht mehr als konservative Macht gemeinsam gegen Revolution und Nationalstaat zusammenarbeiten wollte. Allerdings sollte es sich immer noch um einen Staatenbund handeln, nicht um einen Bundesstaat oder Nationalstaat. Daher ist es irreführend, daß dieser Plan auch als „Siebzig-Millionen-Reich“ bezeichnet wurde. Die meisten Beobachter hielten den Plan für einen Rückschritt.

Vierkönigsbündnis

Am 27. Februar 1850 schlossen die vier Königreiche Bayern, Württemberg, Hannover und Sachsen in München das Vierkönigsbündnis. Der eigentliche Initiator hinter den Kulissen war Österreich, das dem Bündnis allerdings zunächst nicht beitrat. Dieser Verfassungsplan entsprach weitgehend den Plänen Schwarzenbergs und Brucks für ein Siebzig-Millionen-Großösterreich mit Zoll- und Handelsunion. Ganz Deutschland und ganz Österreich sollten einem Bund mit Direktorium angehören. Im Direktorium waren die sieben größten deutschen Staaten vertreten, und dazu hätte es ein Nationalparlament geben sollen: hundert Mitglieder aus Österreich, hundert aus Preußen und hundert aus den übrigen Staaten. Das Parlament wäre indirekt von den Parlamenten der Einzelstaaten gewählt worden und nur alle drei Jahre zusammengetreten. Das war für Schwarzenberg bereits ein schwer erträgliches Zugeständnis.

In der preußischen Regierung waren die Hochkonservativen wie Otto Freiherr von Manteuffel bereit, auf den Plan einzugehen. Eine gewisse Machterweiterung in Norddeutschland hatte Schwarzenberg den Preußen in Aussicht gestellt. Der Nationalkonservative Josef Maria von Radowitz, Berater des preußischen Königs und Vordenker der Unionspolitik, war hingegen ehrlich an einer deutschen Einheit interessiert.

Verweise



Einzelnachweise