Seuse, Heinrich

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  • auch Heinrich (von) Suso oder Heinrich von Berg
  • * 21. März 1295 in Konstanz
  • † 25. Januar 1366 in Ulm


Heinrich Seuse ist ein mittelalterlicher Mystiker und Dominikaner, der in Konstanz und Ulm, am Oberrhein und in der Schweiz wirkte. Er wird in der katholischen Kirche als Seliger verehrt.


Leben

  • Im Alter von 13 Jahren trat er in den Orden der Dominikaner in Konstanz ein.
  • wurde als Hochbegabter zum Studio generale nach Köln geschickt.

Seliger

Nachdem Seuse schon zu seinen Lebzeiten zuweilen wie ein Heiliger angesehen war, hielt seine Verehrung über die Jahrhunderte hin an, sodaß er ohne einen formalen Seligsprechungsprozess 1831 von Papst Gregor XVI. „per viam cultus“ seliggesprochen werden konnte. Sein Gedenktag ist der 25. Januar.

Autor

Nach Abschluß seiner Studien entwickelte Heinrich Seuse eine vielfältige literarische Tätigkeit, die er bis an sein Lebensende fortführte; sie war ein wesentlicher Teil seiner Seelsorge. Dabei erweist sich Seuse als ebenso hochgebildeter wie stilbewußter Autor. Als Quellen nutzt er ebenso antike Autoren wie auch die biblische und patristische Literatur, dazu die didaktische Mönchsliteratur, insbesondere die Vitaspatrum, wie auch die maßgebenden theologischen Werke seiner Zeit, insbesondere Tomas von Aquin, Bonaventura, (Pseudo-)Dionysius Areopagita, Bernhard von Clairvaux, Wilhelm von St. Thierry, und Meister Eckhart.

Der Wortschatz Seuses ist „der reichste und differenzierteste von allen Mystikern“, durch zahlreiche eigene Neuprägungen hat Seuse den deutschen Wortschatz maßgeblich bereichert. Insgesamt kennzeichnend für den Stil seiner Schriften ist die Verbindung einer stark affektiven Diktion mit einer scholastisch geschulten Gedankenführung. Dabei ist Seuse ein Autor, der immer wieder sein Schreiben selbst reflektiert, vor allem in der viel zitierten Stelle über das Grundproblem mystischer Autoren, wie mit bildlicher Sprechweise das Bildlose zur Sprache kommen könne:

„Wie kann man Bildloses im Bilde darstellen, das über alle Sinne und über menschliche Vernunft ist? Denn was man dem auch für Gleichnis gibt, so ist es noch tausendfältig ungleicher, als es gleich ist. Aber dennoch, damit man Bilder mit Bildern austreibe, so will ich dir hier bildlich mit gleichnisgebender Rede, sofern es denn möglich ist, von denselben bildlosen Gedanken zeigen, wie es in Wahrheit zu nehmen ist.“

Angesichts eines derart reflektierten Schreibens ist es nur folgerichtig, daß Seuse höchsten Wert darauf legt, daß seine Schriften unverändert überliefert werden. So fordert er nicht nur, man solle beim Abschreiben „nichts dazu noch davon legen noch die Worte verändern“, sondern stellte auch gegen Ende seines Lebens, um allen Veränderungen und Mißdeutungen vorzubeugen, seine Schriften in einer Art „Ausgabe letzter Hand“ zusammen, dem sogenannten Exemplar. Neben dem Exemplar sind von Seuse sodann noch das sogenannte Große Briefbuch als eine Sammlung von 28 pastoralen Briefen, einige Predigten und das (in der Urheberschaft strittige) Minnebüchlein überliefert, dazu das lateinische Horologium Sapientiae. Dabei zielt Seuse durchaus auf eine breite Leserschaft; außer dem Horologium Sapientiae sind alle seine Schriften in der Volkssprache abgefasst.

Seuses Werke fanden dann auch schon früh eine weite Verbreitung; das Horologium Sapientiae war über Jahrhunderte hin in weiten Teilen Europas von tiefem Einfluß auf die christliche Spiritualität, und mit seinen deutschen Schriften zählt Seuse zu den wirkmächtigsten Autoren deutschsprachiger geistlicher Literatur.

Seuses geistiges Vermächtnis konzentriert sich in dem von ihm selbst zusammengestellten Exemplar, einem „Musterbuch“, in dem er seine Schriften zu endgültiger Form redigiert und sie in ihrer Abfolge, entgegen ihrer Entstehungszeit, zu einem „geistlichen Weg“ ganz eigener Art werden läßt. Diese vierteilige Werkausgabe beginnt mit seiner Vita, gefolgt vom Büchlein der ewigen Weisheit und dem Büchlein der Wahrheit, und endet mit dem Briefbüchlein. Von Seuse selbst angefertigte Bildtafeln (in den meisten Handschriften zwölf) mit erklärenden Schriftbändern sollen die Texte veranschaulichen.

Werke

Vita

Die sogenannte „Vita“ , die wohl um 1362 endgültig abgeschlossen wurde, erweist sich als ein literarisch hochkomplexes Werk. Als literarisches Subjekt wird von Seuse der „Diener“ (der Ewigen Weisheit) gesetzt. Kurt Ruh sieht im „Diener“ eine „hagiographische Rolle und mit ihr eine Distanzierung vom persönlichen Ich“. Nach Kurt Ruh ist es unbestritten, daß diese Vita „im literarischen Aspekt zu den bedeutendsten Prosawerken der deutschen Literatur des Mittelalters (gehört)“.

Büchlein der ewigen Weisheit

Das Büchlein der ewigen Weisheit ist 1330 entstanden, Seuse hat hier erstmals die Rollenfigur des „Dieners“ eingeführt. Das in drei Teile gegliederte Buch führt im Dialog zwischen der „Ewigen Weisheit“ und ihrem „Diener“ zuerst zur Begegnung mit dem leidenden Christus (c. 1- 20), um dann anzuleiten zu rechtem Sterben und innerlichem Leben, zum Empfangen Gottes im Sakrament und zu stetem Gotteslob (c. 21-24); schließlich folgen hundert kurzgefaßte „Betrachtungen und Begehrungen“ als eine Art praktischer Leitfaden, um je nach eigener Gestimmtheit und verfügbarer Zeit] Christus auf seinem Leidensweg meditierend zu folgen. So soll sich in den Herzen die göttliche Minne wieder entzünden; Jesu Menschheit und sein Leiden sind Weg und Tor, um schließlich zur höchsten Einung mit Gott zu gelangen.

In den Jahren 1331-1334 verfasste Seuse eine lateinische Fassung des Werks unter dem Titel Horologium sapientiae; dabei überarbeitete er das Büchlein in Hinblick auf einen anderen, theologisch gebildeten Adressatenkreis, erweiterte es um selbstbiograhische Aussagen und hebt nun als „Bruder Amandus“ die Thematik der „geistlichen Vermählung“ besonders hervor.

Diese beiden Werke fanden unter Seuse Schriften die größte Verbreitung. Vom Büchlein, das auch in Teilausgaben überliefert wurde, verzeichnet der Handschriftenzensus bisher über 160 Abschriften, und das Horologium war geradezu ein europäischer Bestseller mit ca. 400 bekannten Handschriften und 10 frühen Drucken.

Büchlein der Wahrheit

Das Büchlein der Wahrheit, Seuses früheste Schrift, ist ursprünglich zur Verteidigung Eckharts geschrieben und richtete sich zuerst an einen gelehrten Adressatenkreis. Erörtert werden Grundfragen der scholastischen und mystischen Theologie, wobei die „Wahrheit“ den „Jünger“ – so nennt sich hier die Rollenfigur – belehrt. Es geht dabei um das Wesen Gottes und das Verhältnis der Geschöpfe zu Gott (c. 1-3), um die Menschwerdung Gottes und die Vereinigung des Menschen mit Gott in rechter „Gelassenheit“.(c. 4-5), um Erkenntnisvermögen und Freiheit des Menschen und schließlich um die angemessene Lebensführung eines „gelassenen“ Menschen (c. 6-7).

Im Exemplar hat Seuse das Büchlein der Wahrheit redigiert, und es hat hier nun die Aufgabe, nach den Einübungen in ein christförmiges Leben, wozu das Büchlein der ewigen Weisheit angeleitet hat, den Menschen jetzt auf seinem Weg zur Vollkommenheit zu den höchsten Fragen und Erkenntnissen christlichen Lebens zu führen.

Briefbüchlein

Das sogenannte Briefbüchlein ist eine Auswahl aus den insgesamt 28 Briefen des sogenannten „Großen Briefbuchs“. Dabei hat Seuse 16 Briefe der Vorlage zu nunmehr 11 Briefen zusammengestellt, wobei die ursprünglichen Texte gekürzt oder auch erweitert wurden. Diese revidierten Briefe betonen den Aspekt der Seelsorge und stehen in manchen Elementen der Predigt nahe.

Ihre Abfolge im Exemplar entspricht erneut dem Modell des Dreistufenwegs, vom anfangenden Menschen (Brief 1-7) über den fortschreitenden bis hin zur Vollkommenheit (Brief 8-11)[39], und ergibt somit eine Art „mystisches Itinerar“. Der letzte Brief und damit auch der letzte Text des Exemplars gilt der für Seuses Frömmigkeit so grundlegenden Verehrung des Namens Jesu.

Insgesamt entspricht das Exemplar somit auch in der Aufeinanderfolge seiner vier Bücher einem für die christliche Mystik sehr typischen Merkmal, indem es nicht mit dem Blick auf die Transzendenz im Aufschwung zu Gott hin endet, sondern von dort aus wieder hinführt zu den Menschen und ihrer Seelsorge.

Zitat aus der Vita

„Eine Zeit lang trug Seuse ein härenes Hemdund eine eiserne Kette, bis das Blut von ihm niederrann, so daß er schließlich gezwungen war, es abzulegen. Er sorgte heimlich dafür, daß ein härenes Untergewand für ihn gemacht wurde, und an dem [in das] Untergewand hatte er Lederstreifen befestigt, in die etwa 150 eherne Nägel, scharf zugespitzt und gefeilt [aus Messing und scharf gefeilt], getrieben [geschlagen] waren, und die Spitzen der Nägel waren stets auf [gegen] das Fleisch gerichtet. Darin pflegte er in der Nacht zu schlafen. Dann ersann er etwas anderes: zwei Lederhandschuhe, und er veranlaßte einen Schmied [Spengler], sie über und über mit scharf gespitzten Stiften [mit spitzen kleinen Stiften aus Messing] auszurüsten, und er pflegte sie nachts anzulegen, damit, wenn er im Schlafe versuchen sollte, das haarige Untergewand [das härene Unterkleid] abzulegen oder sich selbst von den Stichen der ekelhaften Insekten zu befreien, die Stifte dann in seinen Körper eindringen sollten.“

Wirkungsgeschichte

Die Wirkungsgeschichte der Werke Seuses ist noch wenig erforscht. Bekannt ist jedenfalls Seuses Einfluß nicht nur auf die Gottesfreunde und die Devotio moderna, sondern auch auf nachmittelalterliche Theologen, Seelsorger und Autoren wie Nikolaus von Kues oder Friedrich von Spee. Noch Herder war von Seuses Schriften beeindruckt. Im zwanzigsten Jahrhundert gewannen Seuses Werke im Zuge eines neuen Interesses an Mystik und Frauenliteratur wieder wachsende Bedeutung.

Das 1604 gegründete humanistische Heinrich-Suso-Gymnasium in Konstanz wurde 1948 nach Seuse benannt, ebenso die 1956 eingeweihte Kirche St. Maria Suso in Ulm. Am 1. Juni 2007 wurde der Verein des Gedenkens an den Mystiker und Dichter vom Bodensee Heinrich Seuse e.V. gegründet. Anlaß war die Neubelebung des schon im Jahre 1900 eingerichteten Suso-Hauses in Überlingen. Seit 2006 wird im Rahmen einer vielfältigen Bildungsarbeit versucht, die wesentlichen Momente der Lebenslehre des Heinrich Seuse zu vermitteln. Herausragendes Merkmal ist der Quellturm im Suso-Haus, eine Stein-Wort-Ton-installation, die sich vertikal vom Molassefelsenkeller bis unter das Dach des mittelalterlichen Hauses erstreckt.

Werke

  • Horologium aeternae sapientiae
  • Büchlein der ewigen Weisheit
  • Heinrich Seuse. Deutsche Schriften. Hrsg. v. Karl Bihlmeyer. Stuttgart 1907
  • Des Mystikers Heinrich Seuse O. Pr. Deutsche Schriften
  • Das Buch der Wahrheit

Verweise