Kalbe/Milde (Kl.)

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Das Laurentius-Kloster in Kalbe/Milde war dem hl. Lorenz geweiht.

Lage

Kalbe liegt zwischen Gardelegen und Salzwedel an der Milde. Das Kloster war in dem Stadtgebiet, das heute von der Bahnhofstraße - Ernst-Thälmann-Str. - Stendaler Str. - Gartenstr. begrenzt wird. In diesem Bezirk gab es noch lange die Flurbezeichnung: Lorenzkirche.

Geschichte

Bischof Tietmar von Merseburg erwähnt in seiner acht Bücher umfassenden Chronik an zwei Stellen das Lorenzkloster in einem Ort namens „Calvo“ oder „Calva“. Da die Lage des Ortes nicht näher bezeichnet ist, hat es eine lange Auseinandersetzung darüber gegeben, in welchem Orte das Kloster zu suchen sei: in Kalbe/Saale oder Kalbe/Milde. 1930 votierte der hallenser Historiker Robert Holtzmann für Kalbe/ Milde.

Aus der Geschichte des Klosters sind nur wenige Nachrichten bekannt geworden. In der Urkunde von 1121 wird die Gründerin und erste Äbtissin des Klosters erwähnt. Es war eine Gräfin Oda, die als „edle Frau“ und „ehrwürdige Frau von Stande“ und als „Äbtissin dieses Ortes“ bezeichnet wird und aus der königlichen Familie stammte. Einem frommen Gelübde gemäß gründete sie das Kloster.

Oda

Wer war aber nun diese Oda, die aus königlicher Familie geboren oder zur königlichen Familie gehören sollte? Nur ganz wenige Frauen dieses Namens im 9. und 10. Jh. kommen in Betracht. Man könnte zunächst denken an Oda, Herzogin von Sachsen, Ehefrau des Herzogs Luidolf von Sachsen, Mutter des Herzogs Otto des Erlauchten von Sachsen und Großmutter König Heinrich I. Sie gründete 856 zusammen mit ihrem Ehemann das berühmte Reichsstift Gandersheim. Geboren war sie 806 und starb im Alter von 107 Jahren 913. Sie war Herzogin und nicht nur Gräfin, wie die Oda der Urkunde von 1121 tituliert wird. Sie stammte nicht aus königlicher Familie und ihr Enkel Heinrich ist erst 6 Jahre nach ihrem Tode zum deutschen König gewählt worden. Trotzdem zählt sie zu den Stammmüttern deutscher Könige und Kaiser.

Eine andere Trägerin dieses Namens um die Wende vom 9. zum 10. Jh. war die Kaiserin Oda, Ehefrau von Kaiser Arnulf. Sie stammte wahrscheinlich aus dem rheinfränkischen Geschlecht der Konradiner. Seit 888 ist sie als Kaiserin nachweisbar und hat ihren Ehemann überlebt. Zu Sachsen hatte die Kaiserin, soviel wir wissen, keinerlei Beziehungen, so daß sie kaum als Gründerin des Klosters in Betracht gezogen werden kann.

Eine dritte Oda, die zur königlichen Familie gerechnet werden kann, war die Tochter des Herzogs Otto des Erlauchten von Sachsen und damit eine Schwester von König Heinrich I. und Enkelin der zuerst genannten Oda. Sie wird 897 mit Herzog Zwentibald von Burgund verheiratet. Nachdem Zwentibald am 13. 8.900 gefallen war, vermählte sich Oda noch im gleichen Jahre mit seinem Gegner, dem angesehenen lothringischen Grafen Gerard, der 906 der Reichsacht verfiel und seitdem aus der Geschichte verschwindet.

Obwohl wir über den Verbleib dieser Oda nichts wissen, kann die Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden, dass sich diese Gräfin Oda als Witwe in ihre sächsische Heimat zurückgezogen hat und hier ein Kloster gründete, dessen erste Äbtissin sie wurde. Wir kennen eine Reihe von Beispielen, die ausweisen, daß hochgestellte Frauen als Witwen Klöster gründeten und oft auch als Äbtissinnen wirkten. Bei dieser Oda würde die Charakterisierung der Gründerin aus der Urkunde von 1121 am ehesten zutreffen. Sie war eine Gräfin, zur königlichen Familie kann sie gezählt werden, denn unterdessen war ihr Bruder Heinrich deutscher König geworden.

Bleibt nur die Frage: Hat sie sich nach dem Tode ihres Ehemannes auch wirklich in ihre sächsische Heimat zurückgezogen?

Nur Vermutungen können über die Gründerin des Klosters Gräfin Oda ausgesprochen werden. Würde man die erstgenannte Oda als Gründerin ansehen, dann wäre das Kloster sicher noch im 9. Jh. gegründet worden. Vermutet man die Schwester König Heinrichs als Gründerin, dann wäre wohl in der 1. Hälfte des 10. Jh. die Gründungszeit zu suchen. König Heinrich I. hat sich verschiedentlich in der Altmark aufgehalten, so z.B. 924/25 bei einem Feldzug gegen die Wenden (Werben, Schanze Siegberg), im harten Winter 928/929 (Eroberung von Brandenburg), 936 beim Reichstag zu Tangermünde, nach dessen Abschluß Heinrich bald darauf gestorben ist.

Zweiten Nachricht

Eine andere Nachricht über das Lorenzkloster in Kalbe hat Tietmar von Merseburg in seiner Chronik überliefert (IV, 57 (36)). Sie bezieht sich auf einen Vorfall, der großes Aufsehen erregte, und für alle Leute der Kirche (cunctis aecclesiae reotoribus) sehr ärgerlich war. Die Nonne Oda trat aus dem Kloster aus, um den Herzog Miseko von Polen zu heiraten. Damit brach sie ihr Gelübde und besonders ihr Bischof Hilliward von Halberstadt äußerte sein Mißfallen.

Vergeblich sucht der Herzog Miseko von Polen um die päpstliche Bestätigung dieser Ehe nach, die ihm aber verweigert wurde. So ist die Nonne Oda aus Kalbe nie eine anerkannte Herzogin von Polen geworden. Miseko war 964 nach dem Tode seines Vaters, Zemomislaus in Polen zur Regierung gekommen und hatte ein Jahr später Dambrowka von Böhmen geheiratet. Diese Dambrowka war die Tochter des Fürsten Boleslaus von Böhmen, der am 28.9.929 in [[Jungbunzlau]] seinen Zwillingsbruder

Wenzel ermordete und damit die Macht nach Böhmen an sich riß. Noch heute gilt Wenzel als der Nationalheilige der Tschechen.

Dambrowka, nun Herzogin von Polen, hat für die Festigung der christlichen Kirche in Polen viel getan und als sie 977 nach zwölfjähriger Ehe starb, war die Trauer allgemein. Wie viel Jahre Miseko von Polen als Witwer gelebt hat, ehe er die Oda aus Kalbe heiratete, wissen wir nicht.

Vermutlich waren es nur wenige Jahre. Fragt man sich, wie ein Herzog von Polen dazu kommt, eine Nonne aus Kalbe sich zur Ehefrau zu erwählen. Die Nonne Oda war die Tochter des Nordmarkgrafen Dietrich, lebte also in einem Kloster, das mitten im Herrschaftsgebiet ihres Vaters lag. In den ständigen Auseinandersetzungen der Deutschen mit den Wenden hatte sich Dietrich bis zum Markgrafen hochgedient. Oft waren in diesen Kämpfen die Deutschen mit Polen verbündet und verschiedentlich führten Dietrich und Miseko gemeinsam das Heer an.

Daher kann eine engere Bekanntschaft stammen, die dann zur zweiten Ehe des Polenherzogs Miseko mit Oda führte. Oda's Vater, Markgraf Dietrich war eine sehr umstrittene Persönlichkeit. Er galt als hochmütig und tyrannisch und ganz besonders hart gegen die tributpflichtigen Wendenstämme. Er soll schuld daran gewesen sein, daß Kaiser Otto II. den Grafen Gero von Alvensleben enthaupten ließ, weswegen er sich unter seinen Landsleuten viel Feinde machte. Schließlich wurde ihm der verheerende Wendenaufstand von 983 angelastet und damit der Verlust der Bistümer Havelberg und Brandenburg.

984 wurde er seiner Würde und Güter entsetzt, 985 ist er einsam und verachtet in Magdeburg gestorben. Seine Tochter Oda lebte als nicht anerkannte Herzogin in Polen. Sie hat ihren Ehemann Miseko drei Söhne geboren: Miseko, Swantopolk und Boleslaus. Als Herzog Miseko von Polen 999 starb, kam sein erstgeborener Sohn Boleslaus an die Regierung. Dieser vertrieb die Oda mit ihren Kindern aus Polen. In Quedlinburg hat Oda dann Zuflucht gefunden und ist auch dort sicher gestorben.

Dritte Nachricht

Im Jahre 983 wurde das Lorenzkloster in Kalbe zerstört, Thietmar von Merseburg berichtet darüber in seiner Chronik (III, 18,(11)). Es ist dies die erste sichere Jahresangabe, mit der unser Ort in Verbindung gebracht werden kann. Wir müssen versuchen, uns die damaligen Vorgänge zu verdeutlichen. Die Spannungen zwischen Deutschen und den Wendenstämmen entlang der Elbe-Saale-Grenze waren immer gefährlicher geworden, empfanden doch die Wenden die Tributpflichtigkeit, in die sie die Deutschen gebracht hatten, als Demütigung und sicher wird es immer Anlässe gegeben haben, die die gegenseitige Gereiztheit nur verstärkten.

Das Jahr 983 brachte unvorhergesehene Entwicklungen, die die Führer der Wenden veranlaßten, den Versuch zu unternehmen, die deutsche Herrschaft abzuschütteln. Kaiser Otto II. hatte im Jahr vorher ein starkes deutsches Heer nach Italien geführt, um die unteritalienischen Probleme zu lösen. Es war ein unglücklicher Feldzug und zu allem Überfluß starb der Kaiser im Frühjahr 983 in Unteritalien.

Sein Sohn und Nachfolger Otto III. war ein dreijähriges Kind. Die Regentschaft übernahm für ihren Sohn die Kaiserinwitwe Teofanu. Unter den deutschen Fürsten regte sich Opposition gegen das sächsische Kaiserhaus, die nur mit Mühe zurückgehalten werden konnte. Schnell waren die Ereignisse in Italien in Deutschland bekannt geworden. Die augenblickliche Führungsschwäche im Reich war für die Wendenfürsten das Signal, gegen die deutsche Herrschaft loszuschlagen. Ein gewaltiger Sturm brach an der deutschen Ostgrenze los. Tietmar von Merseburg berichtet u.a., daß der Obodritenfürst Mistui die Bischofssitze Havelberg und Brandenburg eingenommen und zerstört habe, und fährt dann fort: „Nachher verwüsteten sie das Kloster des heiligen Märtyrers Laurentius in dem Ort, der Kalbe heißt, und setzten den Unsrigen wie flüchtigen Hirschen nach; denn unsere Missetaten schufen uns Furcht und ihnen kräftigen Sinn.“

Das muß im Sommer 983 geschehen sein. Weiter heißt es dann, dass Mistui auch den ehemaligen Bischofssitz Hamburg in Brand steckte und verwüstete. Nur die Reliquien der Heiligen seinen durch ein Wunder in den Himmel gerettet worden. Mistui aber wurde später wahnsinnig, weshalb man ihn in Ketten legte. Als er mit geweihtem Wasser besprengt wurde, soll er gerufen haben: „Der heilige Lorenz verbrennt mich.“ Ohne die Freiheit wieder zu erlangen, kam Mistui elend um. Das Kloster in Kalbe/Milde war dem Heiligen Lorenz geweiht.

Verweise