Karlismus seit 1875

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Die Karlisten von 1875 bis 1930

In den unruhigen Jahrzehnten, die der Inthronisierung des Königs Alfons XII. im Jahr 1874 und der Annahme der Verfassung von 1875 folgten, hatten die Karlisten weiter Bestand, engagierten sich aber im Gegensatz zu den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens vorwiegend friedlich, indem sie sich nunmehr vorwiegend den Betätigungsfeldern der geistigen Auseinandersetzung und der Propaganda widmeten.

Bisher hatte der Karlismus sich vornehmlich als eine Art von den Frauen und Priestern am Leben gehaltene romantische Tradition innerhalb bestimmter Familien des nördlichen Spaniens halten können. Nun formte der Marquis von Cerralba die bis dahin weitgehend aus lose organisierten Freiwilligen bestehende Karlistische Bewegung in eine moderne Partei um, welche den Namen Comunión Tradicionalista (CT), auf Deutsch "Traditionalistische Glaubensgemeinschaft", trug. Die CT wurde zum Sammelbecken der Karlistischen Bewegung. Der Marquis gestaltete nach 1888 – als das "Manifest von Burgos" als programmatische Grundlage des Karlismus herausgegeben wurde – auch das Vereinsleben und soziale Engagement der Karlisten neu. 1936 gab es in ganz Spanien hunderte Versammlungshäuser der Karlisten, die so genannten "círculos" – Ortsgruppen, "an [deren] Spitze … meist ein erlesen höflicher Aristokrat mit der Pistole in der Tasche [stand]".[12] Hinzu kam eine Frauenorganisation, die "Margaritas", und eine Jugendabteilung, die "Pelayos". Die Karlistische Bewegung entwickelte in dieser Zeit ein umfangreiches Pressewesen. Ihr Zentralorgan war die bereits 1841 gegründete Zeitung La Esperanza (Die Hoffnung).

Nicht zuletzt infolge ihrer Uneinigkeit, von welcher zahlreiche Spaltungen der Bewegung zeugen, blieb die Karlistische Bewegung nach dem Dritten Karlistenkrieg jedoch parlamentarisch ohne besondere Bedeutung (1891: 4 Sitze in den Cortes, 1896: 10 Sitze; 1901: 7 Sitze; 1907: 4 Sitze).

Während des Ersten Weltkrieges stand der Prätendent Don Jaime ohne Möglichkeit zur Kontaktaufnahme mit der Comunión Tradicionalista, dem politischen Arm der Karlistischen Bewegung, in seinem Gastland Österreich unter Hausarrest. Als die Kommunikation nach Kriegsende wieder möglich war, kam es alsbald zum Bruch: war Don Jaime profranzösisch - eben deshalb hatte man ihn in Österreich festgesetzt -, so war die politische Leitung der Karlisten während des Kriegs wegen der liberalen Zielsetzungen Frankreichs und Englands strikt prodeutsch gewesen. Darüber kam es zum Konflikt, in welchem die Bewegung sich auf eine neutrale Linie einigte, während die prodeutschen – gleichzeitig auch in Hinblick auf das Karlistische Programm reformgeneigten – Anhänger der Bewegung - die so genannten Mellisten, nach ihrem Anführer Juan Vazquez de Mella) aus der Partei ausgeschlossen wurden.

Nach dem Dritten Karlistenkrieg beschränkte sich das Stammgebiet der Karlisten zunehmend auf Navarra. Im Baskenland und in Katalonien brachte der wirtschaftliche Aufschwung ein Unternehmertum hervor, welches einen westlichen, marktwirtschaftlichen Lebensstil und die dazugehörigen wirtschaftlichen und politischen Freiheiten anstrebte. Die Karlisten spielten jedoch während des Setmana Tràgica genannten katalanischen Aufstands von 1909 noch eine Rolle, als sie in Barcelona in die Straßenkämpfe eingriffen.

In Katalonien kam hinzu, daß die traditionelle Klientel der Karlisten, die Arbeiter und Bauern, sich zunehmend weniger konfessionell gebunden fühlten. Sie machten sich zumeist auch die Abneigung der Liberalen gegen den Klerus und die kirchlichen Institutionen zu eigen und wandten sich dem Sozialismus und Anarcho-Syndikalismus zu.

Die Einwohner des ländlichen Baskenlands mit Ausnahme allenfalls der Provinz Álava, die länger als die beiden Küstenprovinzen Karlistisch geprägt blieb, dagegen schlossen sich überwiegend der durch Sabino Arana Goiri begründeten nationalbaskischen Bewegung an. Diese wünschte, vereinfacht ausgedrückt, den auf das gesamte Spanien bezogenen Karlistischen Gedanken, die Autorität des Königs und der Kirche zu bewahren, zwar weitgehend beizubehalten, aber auf das Baskenland alleine zu beschränken.

Nur im konservativen Navarra, das bisweilen auch als "spanische Vendée" bezeichnet wird,[13] herrschte weiterhin eine freie Bauernschaft vor, die streng katholisch war, den Liberalen in Madrid grundsätzlich und in allen Belangen misstraute und aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen die moderne Welt weitgehend ablehnte. Bezeichnenderweise verwarf diese Provinz später auch das ihr angebotene Autonomiestatut der Zweiten Republik, welches im Baskenland und in Katalonien mit großer Mehrheit angenommen wurde. Für Navarra waren eine von einer Republik gewährte Autonomie und die ihnen von alters her zustehenden fueros nicht daßelbe. Es bleibt zu vermerken, daß selbst noch heute der navarresischen Regionalhymne auszugsweise die folgenden Zeilen entnommen werden können:

Die Haltung der Karlisten zur Diktatur Miguel Primo de Riveras, die von 1923 bis 1930 dauerte, war uneinheitlich. Während seiner Diktatur verhielt sich die Comunión Tradicionalista wie die meisten Parteien weitgehend passiv.

Die Karlisten und die Zweite Republik

Nachdem 1931 der König Alfons XIII. vertrieben worden war, fanden die königstreue Legitimistische Partei und die Comunión Tradicionalista, die in Verfassungsfragen kaum unterschiedliche Positionen aufwiesen, zueinander und schlossen einen Pakt, den sie TYRE (Tradicionalistas y Renovación Española) nannten. Der gestürzte König und der Karlistische Prätendent Don Jaime trafen in Paris zusammen und söhnten sich hierbei angeblich aus – daß Alfons den Prätendenten als Familienoberhaupt der spanischen Bourbonen anerkannte, mag aber ein Gerücht sein. Don Jaime, der scharf gegen die Ausrufung der Republik protestiert hatte, starb aber schon bald darauf, und sein Onkel Don Alfonso Karlos, in den Augen der Karlisten nunmehr der rechtmäßige Prätendent, ließ den Pakt wieder aufkündigen. Hierauf kam es zu einer Spaltung der Karlisten. Der bedeutendere Teil wandte sich von den Legitimisten ab und pflegte wie einst sein Gemeinschaftswesen in navarresischen Ortszirkeln. Hier bildeten sie von 1933 an Truppen aus, wie es allerdings die meisten politischen Lager, einschließlich der Falangisten, Anarchisten und der kommunistischen und sozialistischen Jugendverbände in Erwartung einer großen Auseinandersetzung zur selben Zeit taten.

Die Ausbildung der Karlistischen Aufgebote, welche wie einst als "Requetés" bezeichnet wurden, wurde dem während seiner Einsätze in Marokko hoch dekorierten Obersten José Enrique Varela anvertraut und von Benito Mussolini mit 1,5 Millionen Peseten finanziert. Mussolini ließ auch einige Karlistische Offiziere in Italien ausbilden, während Waffen aus Deutschland besorgt wurden.

Die Zweite Republik kam zwar den Randprovinzen mit der Einräumung weitgehender Autonomien weit entgegen. Gleichwohl standen die Karlisten dem Chaos und den Ausbrüchen allseitiger politischer Gewalt in Madrid sowie den nach ihrer Auffassung einseitig kirchenfeindlichen und ideologisch diktierten Maßnahmen, die die Zweite Republik aufgrund ihres laizistischen Selbstverständnisses von 1931 bis 1936 in reicher Zahl traf, mit größtem Ressentiment gegenüber. Aber auch abgesehen von diesen Handlungen (wie der Einführung der Zivilehe und der Ehescheidung, der Aufhebung der Ordensschulen und des erneuten Verbots der Gesellschaft Jesu) sahen die Karlisten getreu ihren hergebrachten staatsrechtlichen Vorstellungen die Republik an sich, die sich dazu mit dem Himno de Riego das Kampflied der konstitutionellen Aufständischen des Jahres 1820 als Nationalhymne zu eigen gemacht hatte, ohnedies als illegitim an und waren alleine schon deswegen nicht bereit, sich mit ihr abzufinden.

Hinzu kamen bereits im Vorfeld des Spanischen Bürgerkrieges zahlreiche gewalttätige Angriffe gegen den Klerus und Brandanschläge gegen spanische Kirchen meist von anarchistischer Seite, welche von der politischen Leitung der Republik oft nur mit einem Achselzucken quittiert wurden. Eine am 10. Mai 1931 in Madrid stattgehabte monarchistische Ohrfeige für einen republikanischen Taxifahrer etwa schaukelte sich im selben Monat zu einer sich durch Spanien ziehenden Brandstiftungswelle an Kirchen und Klöstern auf. Hierauf ließ sich der Kriegsminister Manuel Azaña mit dem Spruch vernehmen, lieber sollten alle Kirchen brennen, als daß einem Republikaner ein Haar gekrümmt werde. Diese und andere Zwischenfälle polarisierten die spanische Gesellschaft weiter und trugen dazu bei, auch die nichtKarlistischen kirchentreuen Spanier zum Widerstand zu reizen, was den Karlisten zwischen 1931 und 1936 großen Zulauf bescherte. Ferner fanden die Mellisten zu den Karlisten zurück.

Mehrere hochrangige Anführer der Comunión Tradicionalista unterstützten bereits 1932 das gegen die "kirchenfeindliche Diktatur Azañas" gerichtete pronunciamiento des Generals José Sanjurjo Sacanell, und auch bei Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs sahen die Karlisten – aus übergeordneten Gründen, aber auch in Hinblick auf die revolutionäre Rhetorik des Anführers der PSOE, Largo Caballero – nicht nur keinen Anlaß, die Hand zur Verteidigung der Republik zu erheben, sondern wirkten im Gegenteil bei der Planung des pronunciamiento vom Juli 1936 zusammen mit Geheimbünden innerhalb der Armee und weiteren rechten Gruppen tatkräftig mit. Zur Vorbereitung des Putsches hatten im Frühjahr 1936 der Regent der Karlistischen Bewegung, Prinz Javier de Borbón-Parma, zusammen mit dem Vorsitzenden der Comunión Tradicionalista, Manuel Fal Conde, in St.-Jean-de-Luz, einer französischen Stadt knapp hinter der spanischen Grenze, den Obersten Militärrat der Karlisten gegründet.

Spanischer Bürgerkrieg

Die Karlisten schlugen sich auf die Seite Francos, nachdem auf Basis eines Kompromisspapiers General Sanjurjos rechtzeitig vor der Erhebung am 17. Juli 1936 eine Einigung zwischen General Emilio Mola Vidal und dem Anführer der Comunión Tradicionalista, Manuel Fal Conde, über eine Beteiligung der Karlisten an dem pronunciamiento hergestellt worden war. Fal Conde hatte zunächst auf seinen Forderungen beharrt, daß der Aufstand unter monarchistischer Fahne geschehen und im Erfolgsfalle die Auflösung aller Parteien nach sich ziehen müsse.

Auf der Seite Nationalspaniens kämpften die Karlisten zur "Wiederherstellung der alten Welt mit Maschinengewehr und Messbuch" mit etwa 50 banderas[1] gegen die Volksfront, viele von ihnen mit der detente bala[2] über dem Herzen, einem für die Karlisten typischen Amulett mit einer Abbildung des Herzens Jesu. Mit 40.000 Freiwilligen diente nicht weniger als ein Zehntel der navarresischen Bevölkerung als brigada de Navarra unter den Karlistischen Fahnen. Die Verlustlisten der Karlisten erwähnten unter anderem schwer verletzte Fünfzehnjährige. Brenan vertritt die Ansicht, daß die Karlisten – anders als nach seiner Auffassung selbst die Falange – die einzigen wirklich motivierten und für eine cruzada zu begeisternden Kämpfer auf der Seite Francos waren.

Bald aber gerieten sie in Streit mit der militärischen Führung der nationalspanischen Koalition, wobei Manuel Fal Conde nach einer Auseinandersetzung mit Francisco Franco nach Portugal verbannt wurde. Die Karlisten waren über diese Behandlung ihres Anführers erbost und stellten Kontakte mit einigen Anführern der faschistischen Falange her, die mit Franco ebenfalls nicht einverstanden waren. Mit der Falange konnte trotz der erheblichen Unterschiede zwischen beiden Bewegungen immerhin im Hinblick auf die Ablehnung des Liberalismus, der Demokratie und des "neunzehnten Jahrhunderts" eine gemeinsame Basis gefunden werden. So wurde Fal Conde in Portugal der Vorschlag unterbreitet, die Karlistische und die falangistische Bewegung zu vereinen. Verhandlungen wurden geführt, allerdings gelangten die Karlisten zur Ansicht, daß die Falange im Wesentlichen nur darauf aus war, die Karlistisch-traditionalistische Bewegung zu schlucken, weshalb sie schließlich eine Verschmelzung ablehnten.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich allerdings bereits Franco mit dem Gedanken einer Verschmelzung der Comunión Tradicionalista mit der Falange angefreundet. Dies geschah infolge der Bemühungen des politischen Beraters Francos, Ramón Serrano Súñer, den Staat der nationalspanischen Koalition unter Franco auf eine theoretische oder sogar ideologische Basis zu stellen. Nach seiner Ansicht konnte keine der Parteien der nationalspanischen Koalition für sich genommen eine solche Basis bieten, und zwar weder die Falange noch die Karlisten – vielleicht aber beide zusammen. Hinzu kam, daß die Ziele der einzelnen Organisationen unterschiedlicher nicht hätten sein können: wollten die Karlisten letztlich auf einen spanischen Staat des 16. Jahrhunderts zurück, so hielt die Falange, der ein "nationaler Syndikalismus" im Sinne eines faschistisch-korporativen Systems vorschwebte, nichts von alldem.

Franco beschloss, Nationalspanien endgültig eine einzige Richtung, und zwar seine eigene, zu geben. 1937 wurde die Comunión Tradicionalista mit der faschistischen Falange Española de las JONS zu der Organisation "Falange Española Tradicionalista y de las JONS", der späteren Staatspartei des Franquismus, zwangsvereinigt. Parteiuniform der "F. E. T. y de las JONS" wurde das falangistische Blauhemd zusammen mit der Karlistischen roten Baskenmütze. Haupt dieser Organisation wurde Franco, obwohl er weder Falangist noch Karlist war, womit er beide Organisationen unter seine Kontrolle brachte und so seine Stellung im nationalspanischen Lager ungemein stärkte. Um die interne Opposition weiter zu verwässern, ordnete Franco außerdem an, daß alle Berufs- und Reserveoffiziere automatisch Mitglied dieser Organisation seien. Die "F.E.T. y de las JONS" führte bald darauf den unverbindlicheren Namen Movimiento Nacional, ab 1970 war dies auch der offizielle Name der Staatspartei. Traditionell stand im franquistischen System der Posten des Justizministers einem loyalen Karlisten zu.

Der amtierende Regent, Don Javier, protestierte gegen diese Zwangsvereinigung, zu welcher man ihn gar nicht erst konsultiert hatte, und wurde ebenfalls nach Portugal vertrieben. Obwohl bald darauf die Beteiligung an der Macht nach dem Sieg im Bürgerkrieg über vieles hinweghalf, hielt eine Mißgestimmtheit sowohl seitens der Comunión Tradicionalista als auch seitens der Falange gegen diese Zusammenlegung noch durch Jahrzehnte an: da die Parteiuniform der "F.E.T. y de las JONS" sich aus dem blauen Hemd der Falange und der roten Baskenmütze der Karlisten zusammensetzte, pflegten die Falangisten die Mütze bei jeder sich bietenden Gelegenheit in die Tasche zu stecken, und viele Karlisten zogen es vor, zu offiziellen Anlässen der Bewegung lieber in Zivil als im blauen Hemd zu erscheinen. Zwar waren die traditionalistisch-antiliberal-katholischen Elemente der Franco-Ideologie dem Karlistischen Gedankengut nahe und der gemeinsame Kampf gegen die antiklerikale "rote" Republik einte sie, aber die faschistische Ideologie der Falange, die auf die Zentralisierung statt auf Autonomie für Regionen wie das Baskenland oder Katalonien setzte, war der des Karlismus eigentlich entgegengesetzt.

Zeit des Franquismus

Nach dem Tod Alfonso Karlos’ war Alfons XIII. Familienoberhaupt, der nach Rom ins Exil gegangene frühere König Spaniens, womit theoretisch die Spaltung der spanischen Bourbonen in zwei sich befehdende Linien hätte behoben sein können. Allerdings waren viele Karlisten der Ansicht, daß Alfonso XIII. und sein Sohn Juan, Graf von Barcelona, sich unter dem Gesichtspunkt der "Legitimität durch Taten" als Anführer der Bewegung disqualifiziert hatten.

Alfonso Karlos, der letzte Prätendent des Karlistischen Zweiges der Bourbonen, hatte kurz vor seinem Tod noch selbst Prinz Francisco Javier de Borbón-Parma als Regenten bestimmt, da dieser der am nächsten verwandte Bourbone war, der die Karlistischen Ideale hochhielt. Francisco Javier – ein Bruder Zitas, der letzten österreichischen Kaiserin – kehrte während des Zweiten Weltkriegs nach Belgien zurück, in dessen Armee er während des Ersten Weltkriegs gedient hatte. Dort wurde er demobilisiert, woraufhin er sich dem französischen Widerstand anschloss. Von den Nationalsozialisten gefangen genommen, wurde er in Natzweiler und Dachau interniert, wo die amerikanischen Truppen ihn 1945 befreiten. Nach dem Beschluß zur Wiedereinführung der Monarchie nach Francos Tod im Jahr 1947 verkündete Francisco Javier im Jahr 1952 als Javier (I.) öffentlich seinen Anspruch auf den spanischen Thron und begründete somit die zweite Karlistische Dynastie der Borbón-Parma.

Dieser Rang wurde ihm und seinem Sohn Karlos-Hugo de Borbón-Parma von Juan, Graf von Barcelona und Vater des derzeitigen Königs von Spanien, Juan Karlos I., streitig gemacht, weil Francisco Javier unstandesgemäß geheiratet hatte und außerdem – ebenso wie Karlos-Hugo – nicht die spanische Staatsbürgerschaft besaß. Franco selbst äußerte sich nicht zu den Ansprüchen Francisco Javiers und Karlos-Hugos, weil dies seinen Bestrebungen entgegenkam, Uneinigkeit unter den spanischen Monarchisten zu stiften. Insbesondere war Franco daran gelegen, daß sich die spanischen Monarchisten nicht hinter dem Grafen von Barcelona vereinten, welcher sich ausdrücklich für die Schaffung einer parlamentarischen Demokratie ausgesprochen hatte, während Franco von einem künftigen König die volle Identifizierung mit dem Movimiento Nacional erwartete.

Obwohl der Umstand, daß ihnen keine spanische Staatsbürgerschaft zukam, keineswegs unumstritten war,[3] stellten Francisco Javier und Karlos-Hugo einen Antrag auf Einbürgerung. Franco tat das Seine, eine Entscheidung über diesen Antrag immer weiter hinauszuzögern.[4] Davon abgesehen ließ er keine Gelegenheit verstreichen, die verschiedenen Thronanwärter gegeneinander auszuspielen. Als etwa Juan Karlos sich 1962 zu seiner Heirat nach Athen begab, lud Franco den inzwischen in Madrid lebenden Karlos-Hugo zu einem Treffen ein, wonach er den Grafen von Barcelona wissen ließ, daß er sich nun einen anderen Kandidaten überlegt habe. Allerdings begann Karlos-Hugo in diesen Jahren von Franco abzurücken und griff Juan Karlos als dessen Marionette an. Juan, den Grafen von Barcelona, bezeichnete er als Liberalen, Zentralisten sowie als Günstling des Kapitalismus und des Establishments. Karlos-Hugos Anhänger sahen sich deshalb dazu veranlasst, Juan Karlos bei öffentlichen Auftritten mit faulem Gemüse zu bewerfen.

1964 heiratete Karlos Hugo Prinzessin Irene von Oranien-Nassau. In den Flitterwochen ließ sich Irene in einem Bikini ablichten, einem Kleidungsstück, welches in Spanien damals als obszön betrachtet wurde. Franco nutzte die öffentliche Empörung, um Karlos-Hugo dadurch herabzusetzen, daß er die Einladung zu einer Audienz mit "Prinzessin Irene der Niederlande und ihr Mann" übertiteln ließ. Daraufhin brach Karlos-Hugo sowohl mit Franco als auch mit seinem traditionalistischen Vater und begann, einen linken Kurs zu verfolgen. In der Volksabstimmung von 1966, welche einer Verfassungsreform galt,[5] rief Francisco Javier seine Anhänger dazu auf, mit "Ja" zu stimmen. Karlos-Hugo stellte daraufhin seinen Vater dadurch bloß, daß er ihm öffentlich die "Legitimität durch Taten" absprach. Damit war der Bruch innerhalb der Karlistischen Bewegung besiegelt. Francisco Javier tat ein Weiteres und bekundete seine Unterstützung für den baskischen und katalanischen Separatismus. Franco, dem das zu viel war, ließ daraufhin alle Prinzen von Borbón-Parma aus Spanien ausweisen. Karlos-Hugo und mit ihm seine Anhänger verfolgten nach seinem Bruch mit Franco 1967 die Idee eines partikularistischen Sozialismus.

Danach war fraglich, ob das Franco-Regime die Treffen auf dem Montejurra weiterhin dulden würde, zumal die die massive Oppositionshaltung der Karlisten nicht nachließ. Prinzessin Irene, die als einziges Mitglied der Familie Bourbon-Parma noch einreisen durfte, vertrat die Sache ihres Ehemannes weiterhin öffentlich vor ihren Anhängern. Anläßlich des Montejurra-Treffens im Mai 1973 äußerte sie sich vor rund 10.000 Karlisten wie folgt: "Spanien hat eine Revolution dringend nötig, die ein ungerechtes Regime hinwegfegt, die ein totalitäres politisches System ablöst, die unannehmbare ökonomische Strukturen zerstört und durch eine neue Wirtschafts-, Sozial- und politische Struktur ersetzt." Letztlich zerschlugen sich die Hoffnungen der Karlisten erneut, als Franco sich unter den vielen in Frage kommenden Prätendenten für den Enkel Alfons’ XIII., Juan Karlos, entschied.

Die Karlisten nach 1975

Am 8. April 1975, noch vor Francos Tod, dankte Francisco Javier zugunsten von Karlos-Hugo ab. Dieser hatte bereits 1971 eine weit linksgerichtete Karlistische Gruppierung ins Leben gerufen, die ab 1971 den Namen "Partido Carlista" (PC) führte und nach einer politischen Neuorientierung auf dem Karlistischen Volkskongress von 1972 einen föderalistisch-autonomistischen sozialistischen Kurs einschlug, welcher sowohl von der Pastoralsynode beeinflußt war als auch Elemente der Befreiungstheologie aufgriff. Zentrale Elemente waren betriebliche Selbstbestimmung und ein staatlicher Föderalismus mit autonomen Regionen. Im Gegensatz zu früher sollte das allerdings ausdrücklich im Rahmen eines pluralistischen Systems durchgesetzt werden. Zur Zeit von Francos Tod 1975 war der 1977 legalisierte Partido Karlista eine weit linksgerichtete Organisation, die sich unter anderem an der Gründung der Izquierda Unida (Vereinigte Linke) beteiligte.

Alles dies führte zu einer irreparablen Spaltung der seit ihren Ursprüngen konservativ-katholischen Karlistenbewegung. Die Anführer der Karlistischen Bewegung forderten Karlos-Hugo dazu auf, sich für ihre traditionalistische Linie auszusprechen. Als Karlos-Hugo darauf nicht reagierte, erklärten sie ihn seines Rechts auf Führerschaft für verlustig. Karlos-Hugo verwahrte sich allerdings dagegen, auf irgendein Recht verzichtet zu haben. Die Bewegung teilte sich nunmehr offiziell in den Partido Karlista Karlos-Hugos und verschiedene – von seinem Bruders Sixto angeführte – traditionalistische Gruppen, die sich 1986 unter Sixto zur weit rechtsgerichteten Comunión Tradicionalista Karlista (CTC) vereinigten.

Jedenfalls unmittelbar nach Francos Tod standen sich beide Karlistischen Gruppierungen derart feindselig gegenüber, daß traditionalistische Karlisten unter Sixto, die angeblich von ihnen nahestehenden Kreisen – die Rede ist von einer Beteiligung von Gladio – unterstützt wurden, mit einem Bombenanschlag auf eine Versammlung des PC im Mai 1976 in Verbindung gebracht wurden: Bei dem Attentat auf die linkskarlistische Wallfahrt in Montejurra (Navarra), zu der auch rund 20 linke Parteien und Organisationen eingeladen waren, wurden zwei Anhänger des Partido Karlista ermordet und zahlreiche weitere verletzt. Hinter den Morden standen nachweislich rechtsfranquistische Kräfte innerhalb der Guardia Civil und die Geheimdienstaktion "Operación Reconquista", die vom damaligen Innenminister Fraga sowie dem Regierungschef Arias Navarro unterstützt wurde.

Sixto Enrique de Borbón-Parma beanspruchte die Anführerschaft der Karlistischen Bewegung und nahm für sich in Anspruch, der legitime Prätendent zu sein. Beide beriefen sich auf ihren am 7. Mai 1977 verstorbenen Vater. Die Hintergründe sind unklar. In einem Manifest vom 4. März 1977 verurteilte Francisco Javier (angeblich auf nachdrückliches Betreiben Sixtos) die immer linkere Politik Karlos-Hugos, während – nachdem Karlos-Hugo seinen Vater aus dem Hospital geholt hatte – ein drei Tage später verfaßtes Papier Karlos-Hugo als Erben auch in Hinblick auf den Thronanspruch bezeichnete. Die Mutter beider Prätendenten hielt jedenfalls zu Sixto und ging so weit, Karlos-Hugo von ihrem eigenen Begräbnis 1984 auszuschließen.

Eine anhängerstarke Bewegung blieben die Karlisten noch bis in die 1960er Jahre. Bereits bei den ersten freien Wahlen 1977 zeigte sich allerdings, daß die Karlisten infolge ihrer Selbstlähmung durch Uneinigkeit im Zuge nur eines Jahrzehnts politisch in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht waren. Der PC blieb eine Splitterorganisation, welche 1977 etwa 8.500 Mitglieder zählte, und brachte es sogar im navarresischen Regionalparlament 1979 lediglich auf 4,79 % der Stimmen und einen einzigen Sitz, war ab 1983 dort nicht mehr vertreten und fährt dort inzwischen als Splitterpartei weit unter 1 % der Stimmen ein – 2003 waren es 0,34 % der Stimmen, 2007 halbierte sich der Stimmenanteil des PC nochmals auf 0,16 %.

Es gibt Ansichten, daß dieser Niedergang der Karlistischen Bewegung nicht zuletzt auch darauf zurückzuführen ist, daß dem amtierenden König Juan Karlos I. nach der Ansicht der überwältigenden Mehrheit der Spanier in weit höherem Maße als jedem Prätendenten Legitimität zukommt. Diese Legitimität habe Juan Karlos spätestens durch seinen Einsatz für die Transition Spaniens, die Einführung der parlamentarischen Demokratie, ihre Verteidigung gegen den Putschversuch von 1981 sowie durch seine Mitwirkung an der föderativen Verfassung erworben, während die Prätendenten hauptsächlich durch nicht mehrheitsfähige politische Ansichten und nicht enden wollenden Familienzwist von sich reden machten.

1980 zog sich Karlos-Hugo aus der Politik zurück und trat aus dem Partido Karlista aus, ohne jedoch seine Ansprüche auf den Thron aufzugeben. 1981 erfolgte die Scheidung von Prinzessin Irene, mit welcher Karlos-Hugo vier Kinder hatte. Im Jahr 2000 setzte eine gewisse Wiederbelebung des PC ein, welcher in den Kommunalwahlen im Jahr 2003 in zehn Navarreser Gemeinderäte einziehen konnte. Im Jahr 2005 bekannte sich der PC auf dem Bundeskongress zu Tolosa erneut zur regionalen Selbstbestimmung und sprach sich gegen eine europäische Verfassung aus.

Verweise




Einzelnachweise

  1. Kompanien
  2. Stopp-die-Kugel
  3. Der nie aufgelöste Vertrag von Aranjuez von 1801 sicherte allen Prinzen von Borbón die spanische Staatsbürgerschaft zu.
  4. Zu einer Einbürgerung kam es im Falle Karlos-Hugos darum erst am 5. Januar 1979
  5. Ley Orgánica del Estado