Karlismus

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Dios, Patria, Fueros, Rey


Der Karlismus ist eine katholisch-monarchistische Bewegung in Spanien.


Entstehung

1808 hatte Spanien vor Napoleon I. kapituliert, konnte ihn und seine Herrschaft aber in einem mutigen Guerillakrieg mit englischer Unterstützung vertreiben. Dieser Widerstand gegen die französische Besatzung ging nicht vom König aus, vielmehr hatte das Volk – in Ermangelung funktionierender zentraler politischer Institutionen – selbst Juntas und Räte zur Organisation der Verteidigung gegen die bonapartistische Besatzung ins Werk gesetzt. Als die Cortes Generales im Jahr 1810 rechtswidrig in Cádiz zusammentraten, um eine Verfassung zu beschließen, waren sie ebenso wenig vom König einberufen worden.

Ferdinand VII. und der Terror des Liberalismus

Ferdinand VII. bestieg den spanischen Thron und versuchte trotz aller zwischenzeitlich eingetretenen Ereignisse, an den Cortes vorbei absolutistisch weiterzuregieren. Eine liberale Verfassung wurde 1820 infolge eines pronunciamiento von der Armee erzwungen, wobei die Inquisition abgeschafft und erneut die Cortes einberufen wurden. Die liberale Mehrheit in den Cortes setzte zunächst neben einem Presse- und Vereinsgesetz auch die Aufhebung der Klöster und die Unterwerfung der Geistlichkeit unter die staatliche Besteuerung durch. Als die radikalen Liberalen, die „Exaltados“ 1822 die Mehrheit in den Cortes erlangten, erließen sie eine Reihe weiterer krimineller Gesetze, die jedoch am König und an den Spaniern scheiterten.zzz

Doch schon drei Jahre nach der Wiederannahme der Verfassung wurde diese Verfassung durch eine von Ferdinand selbst herbeigerufene französische Invasion der „Hunderttausend Söhne des heiligen Ludwig“ wieder kassiert. Louis XVIII. von Frankreich wollte mit seiner Intervention allerdings den Absolutismus nicht wiederherstellen, sondern hatte Ferdinand VII. das Versprechen abgenommen, seinem Volk eine chartre, also ein gemäßigtes Grundgesetz, einzuräumen. Als Ferdinand sich nicht daran hielt, bestand Louis, um sein Gesicht wahren zu können, darauf, daß wenigstens die Inquisition nicht wieder eingerichtet werden dürfe, und veranlaßte Ferdinand, seinen rechtgläubigen Kirchenminister Víctor Saez zu entlassen. Im weiteren Kampf um eine Verfassung standen sich als Kontrahenten im Wesentlichen die liberale, sehr stark freimaurerisch geprägte und die Ideen der Französischen Revolution favorisierende Armee und die konservativ eingestellte Kirche gegenüber. Die Positionen beider Parteien waren unvereinbar.

Konservative Position

Die konservative Partei waren vom hergebrachten Bild des Königs überzeugt, welcher sein Amt von Gottes Gnaden hielt und als Gottes Schild und Schwert auf Erden zu wirken. Indem der Monarch Souverän war, war Gott der Souverän: Monarchismus und Religion waren für die Absolutisten – und zumal für die spanischen – untrennbar ineinander verschränkt. Daher war eine vertragliche Vereinbarung, welche das Verhältnis des Monarchen zu seinem Volk zu regeln unternahm, nach ihrem Empfinden zugleich eine Majestätsbeleidigung und eine Gotteslästerung. Der König schwor einen Eid bei seiner Krönung, und ebenso schwor er oder vielmehr sein Vertreter, im Falle etwa des Baskenlands unter der Eiche von Guernica, die alten Vorrechte der nichtkastilischen Regionen zu achten. Die Absolutisten sahen demgemäß keinen Vorteil darin, eine Verfassung, welche Menschenwerk war und mit einem Federstrich geändert werden konnte, dem unabänderlichen und vor Gott geschworenen Eid vorzuziehen. Das spanische monarchische Ideal stand hierbei weniger nach dem bourbonischen Absolutismus französischen Vorbilds nach Art einer Regierung des nostre bon plaisir, sondern weit eher nach der Regierungsweise der Habsburger, welche darin bestand, politische Ideen und Institutionen wie vor allem den spanischen König in einer Weise in Personen verkörpert zu sehen, daß alle Verehrung, alle etwaigen religiösen Attribute nicht der Person, sondern dem Amt zukamen. Dem Amt des Königs war Ehrfurcht geschuldet, soweit und solange er es pflichtgemäß ausfüllte und somit als christlicher König anzusehen war.

Regionalismus

Selbst von dieser religiösen Komponente abgesehen bedeutete eine Verfassung der von den liberalen Kräften vorgesehenen Art die Errichtung eines Zentralstaats nach französischem Vorbild, was die Absolutisten ablehnten. Spanien war von jeher eher einem Staatenbund als einem Staat ähnlicher gewesen. Gemeinsame Institutionen aller Landesteile waren im Wesentlichen nur der König in Kastilien und die katholische Kirche gewesen, während die Regionen ihre eigenen Institutionen und ihr althergebrachtes Sonderrecht gepflegt hatten. Die Liberalen dagegen heuchelten und logen ohne Ende. Bereits seit dem 18. Jahrhundert waren sie in kriminellen Freimaurerlogen organisiert und organisierten die Zerstörung Spaniens.

Don Karlos

Die Zeichen, die einen ernsten Konflikt zwischen Absolutisten und Liberalen ankündigten, mehrten sich bereits zu Lebzeiten Ferdinands. Während seiner weiteren absolutistischen Herrschaft bildete sich bei den Anhängern des Absolutismus unter Führung Victor Saez’ eine radikale Gruppe, die sogenannten Apostólicos, welche die Wiedereinführung der Inquisition forderten. Die Apostólicos waren glühende Anhänger Don Karlos’, des Bruders Ferdinands. Infante Karlos María Isidro hatte sich durch besondere Frömmigkeit und strikten Antiliberalismus hervorgetan. Diese Gruppe kann als ein Vorläufer des Karlismus angesehen werden. In den Jahren zwischen der Aufhebung der Verfassung und der späteren Wiederannäherung Ferdinands an die Liberalen um 1830 hatte dieser Kreis um Karlos erhebliche Macht inne. So konnten die Apostólicos die Entlassung mehrerer Minister durchsetzen, wenngleich auch nicht die Wiedereinführung der Inquisition, da die französischen Besatzungstruppen im Lande, die bis ins Jahr 1828 in Spanien verblieben, die Umsetzung einer solchen Maßnahme einstweilen nicht ratsam erscheinen ließen.

Auch die Liberalen radikalisierten sich immer mehr und wurden antiklerikal mit fanatischem Haß gegen die Orden und gegen die KIrche als Ganzes. Die Bruchstelle des künftigen Konflikts der zwei Teile der spanischen Gesellschaft zeichnete sich schon 1830 ab. Don Karlos, der Bruder Ferdinands, dessen Gesundheit sich unter seiner ausschweifenden Lebensführung immer weiter verschlechterte und der heftig unter der Gicht litt, beanspruchte die Nachfolge des Königs, dem in seinen vier Ehen kein Sohn geschenkt worden war. Bereits im Zuge eines Aufstands, der 1827 Katalonien erfasste und der von einer weiteren radikalabsolutistischen Gruppe initiiert worden war, die sich "Agreugats" nannte, wurde Karlos zum König ausgerufen. Ferdinand ging jedoch mit Entschlossenheit gegen diese Bewegung vor, und Karlos mußte abwinken, um nicht den Vorwurf des Hochverrats zu riskieren.

Isabella

Ferdinand hatte seine einzige Tochter Isabella II. 1830 im Rahmen einer "Pragmática Sanción" unter Abschaffung der Salischen Erbfolge als Thronerbin bestimmt. Dies geschah, indem Ferdinand einen 1789 von den Cortes eingebrachten Antrag auf Herstellung der alten Thronfolgeregelung – den der damalige König Karlos IV. nicht als Gesetz hatte verkünden lassen und der seitdem ruhte – mehr als 40 Jahre später nachträglich genehmigte.

Die in Spanien von König Philipp V. im Jahr 1713 eingeführte Salische Erbfolge sah die Thronfolge von Frauen nur dann vor, wenn männliche Thronerben auch in keiner Seitenlinie mehr vorhanden waren. Philipp V., erster spanischer Bourbone, hatte diese Thronfolgeregelung am 13. Mai 1713 auf Druck der übrigen europäischen Mächte nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekriegs anstelle der auf das Königreich Kastilien zurückgehenden Regelung eingeführt. Damit sollte verhindert werden, daß die beiden bourbonischen Kronen Spaniens und Frankreichs in einer Hand vereinigt werden konnten.

Um diese Pragmatische Sanktion, die unter Abkehr vom Salischen Gesetz die Thronfolge Isabellas vorbereitete, im eigenen Lande umsetzen zu können, machte Ferdinand den Liberalen Zugeständnisse, etwa indem er die Regierung auswechselte und ein gemäßigt-absolutistisches Kabinett berief. Die Liberalen, die einer Thronfolge Karlos’ mit Schrecken entgegensahen, waren unter diesen Umständen gerne bereit, Isabella als Prinzessin von Asturien anzuerkennen. Karlos sah die Gefahr, und nachdem ein Anschlag seiner Anhänger auf das Leben des Königs erfolglos geblieben war, preßte man dem 1832 schwer erkrankten Ferdinand den Widerruf der Pragmatischen Sanktion ab, welche er nach seiner Genesung allerdings umgehend zurücknahm.

Ferdinand sollte recht behalten, als er im Jahre 1832 den folgenden Vergleich zog: „Spanien ist eine Bierflasche, und ich bin der Pfropfen. Wenn ich herausspringe, wird sich der gesamte Inhalt in Gott weiß welche Richtung ergießen“. Bereits unmittelbar nach Ferdinands Tod im Jahr 1833 entzündete sich der unablässige Konflikt zwischen Liberalen und Absolutisten, der bereits seit vielen Jahren an einen Bürgerkrieg grenzte, an der Frage der Nachfolge Ferdinands. Don Karlos sah Isabellas Thronfolge als Raub seiner Thronansprüche an, wofür er durch Ferdinand nach Portugal ausgewiesen wurde. Er wurde von der Kirche und regionalen Autonomisten des Nordens und Nordostens unterstützt. Als die Cortes der dreijährigen Isabella huldigten und die Königinmutter María Cristina die Regentschaft übernahm, führte der Aufruf des Bischofs von León und der Jesuiten, zu den Waffen zu greifen, zur Sammlung der Absolutisten unter dem Banner Don Karlos’, der sich selbst zum rechtmäßigen König erklärte, und damit zur Entstehung der Karlistenbewegung und sofort zu offenem Kriegszustand in Spanien.

Die Karlistenkriege

Alle drei Karlistischen Kriege begannen als Guerillakriege, und reguläre Armeeeinheiten fanden sich in keinem Falle von Beginn an auf karlistischer Seite. In allen Fällen standen sich auch in den karlistischen Hochburgen die von unabhängigen Kleinbauern geprägten ländlichen Gebiete und die mit wenigen Ausnahmen weitgehend liberal gesinnten Städte gegenüber. Nur der Dritte Karlistenkrieg war eine von planender Hand eingeleitete Erhebung, die anderen begannen als Aufstände. Bald entstanden jeweils mehr oder weniger zusammenhängende und sich bekämpfende karlistische und regierungstreue Territorien mit einer Frontlinie und Armeen. Hierbei bildete die territoriale Basis der Karlisten jeweils bald eigene staatliche Strukturen heraus – mit Ausnahme des zweiten Karlistenkrieges, in welchem das nicht der Fall war.

  1. Erster Karlistenkrieg
  2. Zweiter Karlistenkrieg
  3. Dritter Karlistenkrieg

Während im 19. Jahrhundert und namentlich um 1848 in vielen Ländern Europas progressive Revolutionäre gegen ihre konservativen Staatsspitzen aufstanden, hatte es in Spanien umgekehrt eine liberale Staatsspitze mit einem Aufstand von Konservativen zu tun.

Wenngleich die Karlistische Bewegung in allen militärischen Konflikten unterlag, konnte sie mit ihrer mächtigen Opposition und alleine schon mit ihrer nie aufgegebenen Option militärischen Vorgehens in mancher Beziehung doch das völlige Obsiegen liberaler Ideen verhindern. Auch obgleich das liberale Zentrum Spaniens 1836 die Orden und 1841 die Kirche enteignete, geschah das doch gegen das Zugeständnis, daß der Staat für den Unterhalt der Kirche und der Geistlichkeit aufkam und sie seinem besonderen Schutz unterstellte. Im Konkordat von 1851 entspannte sich die Lage weiter, als zwar die Kirche endgültig auf den enteigneten Besitz verzichtete und die Krone das Patronatsrecht der Bischofsernennung behielt, andererseits aber die katholische Konfession als "Religion der spanischen Nation" anerkannt wurde und der Staat für Religionsunterricht in den Schulen zu sorgen hatte. Waren die Karlisten auch im Zuge der Verhandlungen über die Verfassung von 1869 insoweit unterlegen, als sie einen darin enthaltenen Glaubensfreiheitsartikel nicht verhindern konnten, so wurde nach dem Dritten Karlistenkrieg in der Verfassung von 1876 der Katholizismus wie bereits 1812 wieder zur Staatsreligion erklärt und die Kirche sukzessive in ihre alten Rechte eingesetzt. In einer sich – wie überall in Europa – wandelnden Gesellschaft führte dies jedoch auch dazu, daß die katholische Kirche in den Augen der Arbeiterbewegung als Verbündete der herrschenden Klassen und damit als Klassenfeind wahrgenommen wurde.

Daher war der Dritte Karlistenkrieg bereits eine weniger machtvolle Erhebung gewesen als der Erste Karlistenkrieg. Die Enteignungen während des Ersten Karlistenkriegs und die Regelungen des Konkordats führte dazu, daß die Kirche ihre eigene wirtschaftliche Basis entweder verlor oder vom Staat entgegenzunehmen hatte. So nahm sie – anders als früher, als sie daran mitgewirkt hatte, Spanien zu einem der egalitärsten Staaten Europas zu machen, in welchem Besucher sich darüber entsetzten, wie selbst arme Schlucker Adelige auf der Straße ohne jeden Respekt begegneten – erstmals Rücksicht auf die Oberschicht, um sich gut mit ihr zu stellen, während es sich in vergangenen Jahrhunderten eher umgekehrt verhalten hatte. In den Augen der unteren Schichten aber hatte die Kirche sich von ihnen abgewandt und war habgierig geworden.

Diese neue Sicht setzte sich weniger im Baskenland durch, das eine Landschaft unabhängiger Klein- und Großbauern war, als vor allem in der Tagelöhnerwirtschaft des Südens, welche sich von einem Leibeigenensystem nicht wesentlich unterschied. Denn die langfristigen Folgen der Kirchenenteignung von 1835 waren noch in anderer Hinsicht weitreichend. Der Kirchenbesitz wurde zu so verlockenden Preisen angeboten, daß die obere Mittelschicht ihre Kirchentreue vergaß und sich die ausgedehnten Besitztümer sicherte. Fortan standen die besitzenden Gesellschaftsschichten auf liberaler Seite, da sie nun eine Rückkehr der Kirche in ihre alten Rechte und vor allem ihren alten Besitz zu fürchten hatten. So entstand eine neue Klasse, welche vor allem in Andalusien ihre Latifundien errichtete und vor allem in der alfonsinischen Ära in den Jahren nach 1874 durch ihr Patronatswesen, den caciquismo, einen politischen und sozialen Druck auf die auf ihren Feldern arbeitenden, verelendeten Tagelöhner ausübte, daß diese für die radikalen Ideen des Anarcho-Syndikalismus empfänglich wurden.

Keiner der Karlistenkriege konnte also den Konflikt, der die spanische Gesellschaft in zwei Teile zerriss, endgültig beilegen – im Gegenteil taten die beteiligten Parteien alles dafür, ihn weiter zu verschärfen. Der Konflikt wurde weniger intensiv, aber – nicht zuletzt infolge der nachlassenden Bindungen an die katholische Kirche – auf einer breiteren Ebene unter Einbeziehung neuerer politischer Ideen wie dem Sozialismus, Anarchismus und Faschismus in Form von pronunciamientos und Erhebungen wie der Semana trágica von 1909 weitergeführt. Spanien blieb bis zum Ende des Spanischen Bürgerkrieges eines der politisch instabilsten Länder in Europa. Nirgendwo wurde der Konflikt zwischen den althergebrachten und den neuen politischen Ideen so unerbittlich und erbarmungslos, mit solchem Hass und solcher Grausamkeit ausgefochten wie hier. Der Begriff der „beiden Spanien“ (las dos Españas) für diese Scheidung in zwei unversöhnliche Lager wurde in dieser Zeit geprägt.


Der Spanische Bürgerkrieg war letztlich nur ein Finale, auf welches die politische Entwicklung in Spanien seit sehr langer Zeit beinahe zwangsläufig zusteuerte und in dem zum letzten Mal versucht wurde, die alten Rechnungen zu begleichen und endgültig eine Entscheidung für eine der beiden Richtungen herbeizuführen. Politische und gesellschaftliche Ziele des Karlismus Allgemeines

Es ist nicht leicht, den Karlismus zutreffend zu kategorisieren, da die Karlisten niemals monolithisch waren, während ihrer langen Geschichte kontinuierliche Entwicklungen durchmachten und Einflüsse anderer politischer Richtungen aufnahmen, wie auch andere politische Richtungen Karlistisches Gedankengut übernahmen – etwa das soziale Engagement, das bei den Karlisten zum Beispiel in der Gründung christlicher Gewerkschaften zum Ausdruck kam. Ursprünglich aus einem Rückzugsgefecht des spanischen Ancien Régimes entstanden, definierte der Karlismus sich durch die Zeiten wiederholt neu, um den Anschluss an die Zeit nicht zu verlieren: um seine Vorstellungen durchzusetzen, focht der Karlismus zuerst Kriege aus, um dann zu einer parlamentarisch tätigen politischen Partei und unter dem Franquismus schließlich zu einer Art Interessenverband zu werden.

Die Karlisten galten jedenfalls in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorwiegend als Partei des niederen Adels, waren aber bei ihrem zahlenmäßig beachtlichen Anhang bei den Bauern und Arbeitern auf diese Gruppe keineswegs beschränkt. Sie waren streng katholisch und tief konservativ – Teile von ihnen so sehr, daß sie im Zuge des Dritten Karlistenkriegs Bahnhöfe als neumodische Abscheulichkeiten angriffen. Ihr von den reformerischen Mellisten geprägtes Programm von 1897 nahm zwar Abstand von einem absolutistischen Staat, forderte jedoch auch weiterhin regionale Selbstbestimmung bei Einheit Spaniens unter dem Zeichen des Katholizismus, eine monarchische Staatsform, Wiedereinführung der Aristokratie in ihre traditionellen Funktionen und soziales Engagement im Sinne der katholischen Soziallehre in Übereinstimmung mit den betreffenden päpstlichen Enzykliken.

Der Karlismus faßte sich als bestimmende Kraft des so genannten Conservadurismo auf und neigte je länger, desto mehr zu einer autoritären Staatsführung und zum Korporativismus. So gelangte die CT in den frühen 1930er Jahren zu einem Programm, welches einen ständischen neotraditionalistischen Monarchismus vorsah, der den extremen Etatismus vermied und bestrebt war, den Karlismus deutlich von faschistischem Radikalismus abzusetzen." Sie waren tief antikommunistisch und fest davon überzeugt, daß eine jüdisch-marxistisch-freimaurerische Verschwörung Spanien in einen Satelliten der Sowjetunion verwandeln wolle.

Als Monarchisten lehnten die Karlisten die Idee der Volkssouveränität ab, propagierten aber keine diktatorische, sondern eine durch Glaube, Sitte und Gesetz eingehegte Königsherrschaft. Sie wandten sich vielmehr explizit gegen Despotismus: Sobre el Rey está el Ley, „über dem König steht das Gesetz“, womit in erster Linie das unabänderliche Naturrecht und die ungeschriebenen Grundsätze guten und gerechten Regierens gemeint waren. Die politischen Vorstellungen der Karlisten brachten sie selbst am besten in ihrer eigenen Version der Marcha Real auf den Punkt.

Der Historiker Hugh Tomas illustriert die mit der Karlistischen Weltanschauung in der Praxis verbundene Auffassung von Politik wie folgt: Als der Fraktionsvorsitzende der Karlisten in den Cortes, der Graf von Rodezno, 1931 gefragt wurde, wer im Falle einer Rückkehr des Königs wohl Ministerpräsident werden würde, soll er die folgende bezeichnende Antwort gegeben haben: „Sie oder einer von den Herren hier, es handelt sich doch nur um Sekretärsstellen … ich [selbst aber] bliebe beim König, und wir würden von der Jagd sprechen."

Der Einfluß dieser die spanische Geschichte durch mehr als ein Jahrhundert nachhaltig prägenden Bewegung auf das heutige Spanien war vielfältig. Der baskische Nationalismus hat Karlistische Wurzeln. Karlisten gründeten ferner mit den „Sindicatos libres“ die ersten christlichen Gewerkschaften Spaniens.

Verhältnis von Kirche und Staat

Das Karlistische Verständnis und Staat und Gesellschaft basierte wesentlich auf ihren idealen Vorstellungen eines Verhältnisses zwischen Staat und Kirche, wie es im Spanien der Zeit vor der Aufklärung vorgeherrscht hatte. Die Kirche legitimierte seit jeher nicht nur die Königsherrschaft mit ihrem Gottesgnadentum, sondern war seit den Zeiten der Reyes Católicos in einem so heterogenen Staat wie Spanien die stärkste integrierende und stabilisierende Kraft und in dieser Eigenschaft als Stütze der bestehenden Ordnung von entscheidender Bedeutung. Auf politischem wie auf kulturellem Gebiet war die Kirche allgegenwärtig. Der Gipfel der spanischen Macht in Europa und der Welt fiel in diese Zeit der Symbiose von Thron und Altar. Im Zuge der Verklärung dieser Zeit nach dem Niedergang Spaniens um den Spanischen Erbfolgekrieg herum wurde ein Zusammenhang zwischen der alten Staatsverfassung und der vergangenen Herrlichkeit hergestellt, welchen der Karlismus aufgriff und sich zu eigen machte, weshalb er als eine Art Jesuitentum für Laien beschrieben worden ist.

Die mächtigste gesamtspanische Institution des alten Spaniens, die Inquisition, war eine staatliche Institution und eine wesentliche Stütze der Macht der Kirche. Auch obgleich die Inquisition in den letzten vierzig Jahres ihres Bestehens keine Todesstrafe mehr verhängt hatte, war ihre politische Macht bis in die Zeiten der Regierung Ferdinands VII., der sie auf Druck Frankreichs abschaffte, noch immer enorm und reichte bis in den Hofstaat des Königs hinein. Ferner trauten es die Absolutisten alleine der Inquisition zu, mit der Freimaurerei fertig zu werden und den Liberalismus aus Spanien zu verbannen, und es verwundert nicht, daß noch bis in das 20. Jahrhundert eine der Hauptforderung der Karlisten die Wiedereinrichtung der Inquisition war, von der sie als von dem ehrwürdigsten, von Engeln vom Himmel auf die Erde gebrachten Tribunal sprachen.

Im Wesentlichen machten vier Elemente die gesellschaftspolitischen Vorstellungen aus, auf welche die Karlisten hinaus- oder besser zurückwollten: religiöse Einheit des Volks, ein auf religiösen Glaubenssätzen aufgebautes staatliches und gesellschaftliches System, Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat und Freiheit der Kirche. Bezeichnenderweise verbanden die Karlisten bei ihren Zusammenkünften stets politische mit religiösen Elementen. Einer politischen Ansprache pflegte das Lesen einer Messe voranzugehen.

Die Karlistischen Vorstellungen vom Staatswesen waren dem Mittelalter entlehnt. Eine Trennung von Kirche und Staat war dort nicht vorgesehen. Zudem konnte die Religion keine Privatsache sein, denn die katholische Konfession und die christlichen Werte waren nach Karlistischer Auffassung das Fundament der Gesellschaft. Um in diesem Sinne wirken zu können, wurde im Rückgriff auf das spanische Mittelalter die völlige konfessionelle Einigkeit des spanischen Volkes als erforderlich angesehen, was die Institution der Inquisition verbürgen sollte. Daher lehnte der Karlismus Religionsfreiheit strikt ab. Dass im Zuge der Debattierung des Entwurfs der Verfassung von 1869 die Karlisten in den Cortes im Streit um die Gewährung der Religionsfreiheit unterlagen, wird deswegen als einer der Gründe für den erneuten Griff zu den Waffen wenige Jahre später angesehen.

Die Karlisten sahen die politische Entwicklung Europas im 19. Jahrhundert als die in eine europäische Revolution übergegangene Französische Revolution an, welche ihrer Ansicht nach in allen europäischen Ländern, einschließlich Spaniens, fortwährend im Sinne ihrer politischen Gegner, der Liberalen, am Werk war. Der Liberalismus galt als Quelle allen Übels der Moderne.[25] In diesem Sinne äußerte sich der Prätendent Karlos (VII.) wie folgt: „Die spanische Revolution ist nur eines der Bataillone der großen kosmopolitischen Revolution. Wesentliches Merkmal der letzteren ist die vollständige Verneinung der Herrschaft Gottes über die Welt; ihr Ziel besteht in der völligen Zerstörung der Grundlagen, welche durch das Christentum hervorgebracht worden sind und auf welchen die menschliche Gesellschaft begründet ist.“ Die Karlistenkriege sowie der Spanische Bürgerkrieg waren nicht nur politisch motiviert, sondern waren auch religiöse Kreuzzüge. So bezeichneten die Karlisten den Spanischen Bürgerkrieg offen als cruzada (Kreuzzug).

Symbole des Karlismus

Symbol der Karlisten ist ein rotes Burgundisches Andreaskreuz (cruz de Borgoña) auf weißem Grund. Das Burgundische Andreaskreuz stellt mehr oder weniger stilisiert zwei gekreuzte, nur roh zurechtgeschnittene Äste dar. Es erinnert an das Martyrium des Apostels Sankt Andreas. Auf einem weißen, aber gelegentlich auch blauem oder auch in anderen Farben gehaltenen Feld war es seit dem 15. Jahrhundert – als Philipp der Schöne, ein Herzog von Burgund, es als persönliches Zeichen verwendete – die spanische Kriegsflagge sowie Flagge Neuspaniens.

Ursprünglich handelte es sich um ein burgundisches Emblem – Schutzheiliger der Herzoge von Burgund war St. Andreas. In Verwendung war das Burgundische Andreaskreuz als Kriegsflagge bis 1843, als die 1785 eingeführte rotgelbrote Seekriegsflagge (die in ihren Grundzügen der heutigen Flagge Spanien entspricht) auch für den Krieg zu Land sowie als Staatsflagge verwendet wurde. Die Karlistische Tracht besteht in roten Baskenmützen, von welchen eine goldene Kordel hängt (auf baskisch txapelgorri genannt).

Ihre Hymne ist die Marsch von Oriamendi, benannt nach einer Schlacht des Ersten Karlistenkriegs 1837.

Der Wahlspruch der Karlistenbewegung lautet "Dios, Patria, Fueros, Rey".[1]

Literatur

  • José Navarro Cabenes: Apuntes bibliogràficos de la prensa Karlista. Valencia, 1917.
  • Constancio: El Tradicionalismo Espanol, San Sebastian 1934.
  • Elias Franciscode Tejada: EI monarquia tradicional, Madrid.
  • Herrero Galindo: Breve historia del Tradicionalismo Espanol, Madrid 1956.
  • Evaristo Casarlego: La verdad des Tradiclonalismo, Madrid


Verweise



Einzelnachweise

  1. Gott, Vaterland, alte Vorrechte, König