Klagt, Kinder, klagt es aller Welt

Aus Monarchieliga
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  • BWV 244a (5193)
  • BC B 22


Dies ist die Trauermusik für Fürst Leopold von Anhalt-Köthen.


Das Werk

Am 19.11.1728 starb Fürst Leopold von Anhalt-Köthen, Bachs Dienstherr bis 1723. Bach wurde mit der Komposition einer umfangreichen protestantischen Trauermusik beauftragt. Die Musik sollte aus mindestens vier Teilen für zwei separate Trauerfeiern bestehen, vielleicht sogar aus fünf oder sechs Teilen. Die erste Trauerfeier war die Beisetzung des Fürsten am Abend des 23. März 1729, die zweite der kalvinistische Trauerakt am darauf folgenden Tage. Bach hätte als Lutheraner eigentlich gar nicht an derartigen Feierlichkeiten teilnehmen dürfen, schon gar nicht als Leiter und Komponist der Musik, doch dürfte er über eine Ausnahmegenemigung des Leipziger Stadtrates verfügt haben.

Bach hat die genannte Musik zu den Trauerfeierlichkeiten zweifellos komponiert, doch leider ist nichts davon erhalten. Erhalten sind gottlob mehrere, z.T. leicht voneinander abweichende Textdrucke, aus denen man jedoch den Text zumindest des zweiten Werks ziemlich genau bestimmen kann (siehe unten). Der Text ist von dem notorischen Pikander.

Die Musik der Chöre und Arien stammt aus den bereits in den Vorjahren komponierten Werken „Trauerode“ und „Matthäuspassion“. Die Musik der neu komponierten Rezitative und des Diktums ist verlorengegangen. Für den Kenner der Matthäuspassion kann das Parodieverfahren besonders in diesem Falle nur schockieren. Die Profanisierung der hochsakralen Arien „Aus Liebe will mein Heiland sterben“ oder „Erbarme dich“ läßt verstummen.

Bach führte die Matthäuspassion im selben Jahr auf, dies reduzierte die Probenarbeit für den Köthener Trauerakt erheblich. So nahm Bach denn auch etliche Mitwirkende aus Leipzig mit, darunter seine Gattin und seinen Sohn Wilhelm Friedemann.

Text der Trauermusik

Teil 1

Coro: Klagt, Kinder, klagt

Klagt, Kinder, klagt es aller Welt,
laßt es den fernen Grenzen wissen,
wie euer Schatten eingerissen,
wie euer Landesvater fällt.[1]

Recitativo: O bestürztes Land

O Land, bestürztes Land,
wo ist dergleichen Pein,
wie deine Not bekannt?
Die Sonne, die dir kaum am Mittag stunde,
verhüllet ihern Schein
in einen Todesschatten ein.
Ach Lepold,
der Gott getreu und seinem Lande hold,
der niemals, wünschen wir, versterben hat gesollt,
wird uns zu früh entwandt.
O Schmerz, o Wunde,
o Land, bestürztes Land!

Aria: Weh und Ach

Weh und Ach
kränkt die Seele tausendfach.

Und die Augen treuer Liebe
werden wie ein heller Bach,
bei entstand'nem Wetter trübe.[2]

Recitativo: Wie, wenn der Blitze Grausamkeit

Wie, wenn der Blitze Grausamkeit
die Eichen rührt und das Gefieder
zum Walde hin und wieder
vor Schrecken und vor Furcht zerstreut.
So siehst du auch, betrübtes Köthen, du
ein treuer Untertan
fühlt allzuwohl wie er geschlagen,
ein jeder sieht den andern an,
die Wehmut aber schließt die Lippen zu,
sie wollten gern, und können doch nicht klagen.

Aria: Zage nur, du treues Land

Zage nur, du treues Land!

Ist dein seufzerreiches Quälen
und der Tränen nicht zu zählen,
o so denke dem Erbleichen,
ist kein Unglück zu vergleichen.[3]

Recitativo: Ach ja, dein Scheiden

Ach ja, dein Scheiden geht uns nah,
holdsel'ger Leopold,
und die wir dich mit Schmerzen [be]klagen,
daß unser Sonnenstrahl vergeht,
der unserm Land so hold,
mit heitern Blicken aufgegangen,
o Jammerniß, der uns so früh entsteht,
der unser Herz mit bangen Zagen,
wie das gebeugte Haupt mit schwarzem Flor umfangen.

Aria: Komm wieder, teurer Fürstengeist

Komm wieder, teurer Fürstengeist,
beseele die erstarrten Glieder,
mit einem neuen Leben wieder,
das ewig und unsterblich heißt.
Die Jugend rühmt, die Alten preisen,
daß unser Land und ihre Zeit
so viele Gnad' und Gütigkeit
von unserm Fürsten aufzuweisen.[4]

Teil 2

Dictum: Wir haben einen Gott

Wir haben einen Gott, der da hilft und einen Herrn, der vom Tode errettet.

Recitativo: Betrübter Anblick

Betrübter Anblick voller Schrecken:
Soll denn so bald die Gruft den Leid bedecken?
Der Tod ist da,
die Stunde schlägt, das End' ist nah.
Mein Gott, wie komt mir das so bitter für,
ach, warum eilest du mit mir?

Aria: Erhalte mich, Gott

Erhalte mich, Gott,
in der Hälfte meiner Tage!

Schone doch,
meiner Seele fällt das Joch
jämmerlich.[5]

Recitativo: Jedoch der schwache Mensch

Jedoch der schwache Mensch erzittert nur,
wenn ihm die sterbende Natur
die kalte Gruft geöffnet zeiget.
Wer aber stets, wie unsre Fürstenseele
noch lebend auf der Welt
mehr nach dem Himmel steiget,
als sich am Eiteln feste hält,
der flieht mit Lust aus dieser irdnen Höhle.

Aria: Mit Freuden sei die Welt verlassen

Mit Freuden sei die Welt verlassen,
der Tod kömmt mir recht tröstlich für.

Ich will meinen Gott umfassen,
dieser hilft und bliebt bei mir.
wenn sich Geist und Glieder scheiden.[6]

Recitativo: Wohl also dir

Wohl also dir,
du aller Fürsten Zier
du konntest dir nicht sanfter betten,
Gott hilft und kann vom Tod erretten.

Dictum: Wir haben einen Gott

Wir haben einen Gott, der da hilft und einen Herrn, der vom Tode errettet.

Teil 3

Aria: Laß Leopold dich nicht begraben

Laß Leopold dich nicht begraben,
es ist dein Land, das nach dir ruft,
du sollst ein' ewig sanfte Gruft,
in unser aller Herzen haben.[7]

Recitativo: Wie könnt' es möglich sein

Wie könnt' es möglich sein,
zu leben und dich doch vergessen?
Ach nein,
wir haben gar zu allgemein
dein väterliches Regiment,
das mehr vor Lieb' und Eifer hat gebrennt,
erfahren und bei uns ermessen.
Die eine Zeit
wird es der andern offenbaren,
und also dich die Ewigkeit
in unverlosch'nem Ruhm bewahren.

Aria: Wird auch gleich nach tausend Zähren

Wird auch gleich nach tausend Zähren
sich das Auge wieder klären,
denkt doch unser Herz an dich.

Deine Huld,
die wir nicht zu preisen wissen,
und Geduld,
blieb uns gleichfalls ewiglich,
wenn du nur nicht sterben müssen.[8]

Recitativo: Und Herr, das ist die Spezerei

Und Herr, das ist die Spezerei,
womit wir deinen Sarg verehren,
ein jeder Untertan
dringt sich von allen Seiten
durch angenehmen Zwang und Streiten
aus Sehnsucht vor den andern an,
gleichsam, als sollten sie die Treu'
dir auch noch in dem Tode schwören.

Coro: Geh, Leopold, zu deiner Ruhe

1: Geh, Leopold, zu deiner Ruhe[9]
2: und schlumm're nur ein wenig ein

1: Uns're Ruh'
2: so sonst niemand außer du
1: wird nun zugleich mit dir begraben.
2: Der Geist soll sich im Himmel laben,
und königlich am Glanze sein.[10]

Teil 4

Aria: Bleibet nur in eurer Ruh'

Bleibet nur in eurer Ruh'
ihr erblaßten Fürstenglieder,

doch verwandelt nach der Zeit
unser Leid
in vergnügte Freude wieder,
schließt uns auch die Tränen zu![11]

Recitativo: Und du, betrübtes Fürstenhaus

Und du, betrübtes Fürstenhaus
erhole dich nun auch einmal
von deiner Qual!
Wie Gottes Hand bisher
beständig auf dich schwer
mit vollen Schlägen hat gelegen,
so wird dich auch nun in der Folgezeit
ein' unverrückte Fröhlichkeit
ergötzen und verpflegen.
Die Nacht ist aus
der Tag bricht dir nun heiter an,
nun wird dir wie im frohen Lenzen
ein' angenehme Sonne glänzen,
die keine Finsternis, noch Nebel stören kann.

Aria: Hemme dein gequältes Kränken

Hemme dein gequältes Kränken,
spare dich der guten Zeit,
die den Kummer wird versenken,
und der Lust die Hände beut.

Schmerzen, die am größten sein,
halten desto eher ein.[12]

Recitativo: Nun scheiden wir

Nun scheiden wir,
hochsel'ger Leopold, von dir,
du aber nicht aus unser'm Sinn.
Wir geh'n nach unser'n Hütten hin
und sammeln ängstlich auf der Erden,
mehr Asche zur Verwesung ein,
und wünschen, wenn wir auch den Sold
einst der Natur bezahlen werden,
so selig und so sanft wie unserm Leopold
so müß' auch unser Ende sein.

Coro: Die Augen seh'n nach deiner Leiche

Die Augen seh'n nach Deiner Leiche,
der Mund ruft in die Gruft hinein:
Schlafe sicher, ruhe fein,

Labe Dich im Himmelreiche,
nimm die letzte Gute Nacht,
von den Deinen die Dich lieben,
die sich über Dich betrüben,
die Dein Herze wert geacht,
wo Dein Ruhm sich unsterblich hat gemacht.[13]

Verweise




Einzelnachweise

  1. Musik entsprich Satz 1 der Trauerode
  2. Musik enspricht "Buß und Reu" aus der Matthäuspassion
  3. Musik enspricht "Blute nur, du liebes Herz" aus der Matthäuspassion
  4. Musik enspricht "Doch Königin, du stirbest nicht" aus der Trauerode
  5. Musik enspricht "Erbarme dich" aus der Matthäuspassion
  6. Musik enspricht "Aus Liebe will mein Heiland sterben" aus der Matthäuspassion
  7. Musik enspricht "Komm, süßes Kreuz" aus der Matthäuspassion
  8. Musik enspricht "Gerne will ich mich bequemen" aus der Matthäuspassion
  9. 1 = Die Sterbichen; 2 = Die Auserwählten
  10. Musik entspricht "Ich will bei meinem Jesu wachen" aus der Matthäuspassion
  11. Musik enspricht "Mache dich, mein Herze, rein" aus der Matthäuspassion
  12. Musik enspricht "Ich will dir mein Herze schenken" aus der Matthäuspassion
  13. Musik enspricht "Wir setzen uns mit Tränen nieder" aus der Matthäuspassion