Kornelius Becker und sein Psalter

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  • Ein Aufsatz von Martin Möller


Kornelius Becker wurde 1561 in Leipzig geboren. Er studierte 1576 Theologie und unterrichtete an einer Privatschule und an der Leipziger Tomasschule. Im Herbst 1588 wurde er Archidiakonus[1] in Rochlitz. Nach vier Jahren kehrte er als Pfarrer an der Nikolaikirche in seine Heimatstadt zurück. Er wurde zum Lizentiaten und zum Doktor der Theologie promoviert. 1601 wurde Becker Professor an der Universität und übte seine Lehrtätigkeit neben seinem Pfarramt aus. Eine Zeitlang wurde er seines Amtes enthoben, weil er zu scharf gegen die damals in Sachsen wortführenden Kryptokalvinisten predigte. Diese wollten zum zweiten Male das Kurfürstentum Sachsen der „reformierten“ Richtung zuführen. Das sächsische Volk und seine Pfarrerschaft haben diesem Vorhaben entschiedenen Widerstand entgegengesetzt, darunter auch Becker.

In der Zeit, in der Becker seines Amtes enthoben war, reifte in ihm der Plan, die alttestamentlichen Psalmen in Lieder umzudichten, die im Gottesdienst gesungen werden konnten. Im reformierten Genf war dies bereists geschehen, doch durften dort überhaupt nur Psalmen und Psalmlieder gesungen werden. Die von Ambrosius Lobwasser aus dem Französischen übersetzten Psalmdichtungen der Reformierten waren zuerst in Leipzig gedruckt und dann in viele Gesangbücher übernommen. Diese Dichtungen waren zwar wortgetreu, aber in ihrer Sprache schwerfällig.

Becker ging daran, die ins Deutsche übersetzten Dichtungen von Beza und Marot zu ersetzen. Außerdem störten ihn zu recht die „fremden, französischen und für die weltlüsternen Ohren lieblich klingenden Melodien“.

Der Becker'sche Psalter entstand in einer Zeit, als das Luthertum in Norddeutschland in die Defensive geraten war. Der rasante Aufstieg des Kalvinismus und das Wiedererstarken der katholischen Kirche trieb das Luthertum in einen schmerzhaften Schrumpfungsprozeß hinein. Dieser Prozeß führte allerdings auch zu einer inneren Konsolidierung, indem es den strengen Lutheranern nämlich gelang, sich klar gegenüber der liberaleren Linie, die sich auf Melanchthon berief und gegenüber dem sehr dynamischen Kalvinismus abzugrenzen.

Die Fertigstellung des „Konkordienbuches“ im Jahre 1577 markierte das Ende dieses Prozesses, etwa ein Jahrzehnt nach dem Ende des Tridentinischen Konzils, welches fast alle von Luther und den Protestanten aufgeworfenen Fragen kirchlich, gültig und zufriedenstellend beantwortet hatte. Hatte sich die „Reformation“ zunächst auf diese Konzil berufen, verweigerte sie ihm nun ihre Anerkennung, was ein sehr schlechtes Licht auf ihren kirchlichen Sinn wirft. Doch das war nach allem, was geschehen war, nicht anderes zu erwarten.

Die verbliebenen lutherischen Territorien nahmen das Konkordienbuch als verbindliche dogmatische Lehrgrundlage an und dies sollte für etwa 200 Jahre unverändert bleiben und die Ausprägung einer gewissen lutherischen Kultur ermöglichen, die erst durch den von Preußen forcierten und vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. gewaltsam exekutierten Unionsprozeß in den Hintergrund gedrängt wurde.

Kornelius Becker allerdings steht noch am Anfang dieses Prozesses und seine Dichtung fast des gesamten Psalters resultiert aus der deutlichen Abgrenzung des Luthertums zum Kalvinismus. Im Gegensatz zum Luthertum mit seinem vielfältigen Liedgut waren im Kalvinismus ausschließlich Psalmlieder gestattet, die sich zudem theologisch eng an Kalvins letztlich kryptojüdische Lehren anknüpfen mußten.

Diese war für das lutherische Verständnis des Alten Testaments inakzeptabel, da das Luthertum das Alte Testament, und mit ihm die Psalmen, christozentrisch las und verstand. Luther selbst hatte in sieben Psalmliedern die Grundlage gelegt: Ach Gott, vom Himmel sieh darein (Ps. 12); Aus tiefer Not schrei ich zu dir (Ps. 130); Ein feste Burg ist unser Gott (Ps. 46); Es spricht der Unweisen Mund wohl (Ps. 14); Es wolle Gott uns gnädig sein (Ps. 67); Wär’ Gott nicht mit uns diese Zeit (Ps. 124; Wohl dem, der in Gottes Furcht steht (Ps. 128). Seine eminente sprachliche Begabung verhinderte jede Silbenklauberei wie sie in späteren Dichtungen üblich wurde.

Im Unterschied zu den von den Reformierten gedichteten und von Lobwasser verdeutschten Psalmliedern kommt es Becker - in Luthers Nachfolge - vor allem darauf an, die Psalmen vom Neuen Testament her zu verstehen, als Deutungen auf Jesus Christus hin. Ihre Einführung in den Gottesdiensten versuchte er durch volkstümliche deutsche Melodien zu erleichtern. Es gab später Gesangbücher, die den Beckerschen Psalter vollständig enthielten.

Gewidmet hat er seinen „Psalter Davids Gesangweis“ der sächsischen Kurfürstin Sophie mit den Worten: „Weil Luther nicht Zeit und Mühe gehabt, den ganzen Psalter in deutsche Gesänge zu bringen, müssen wir hernach stoppeln, so gut als wir können, und da wir auf dem gelegten prophetischen und apostolischen Grund nicht mit Wacken- und Werkstücken, wie der Herr Lutherus, bauen können, so müssen wir mit kleinen Füllsteinen die Lücken vollends ausflechten, so gut als Gott das Vermögen durch die Gabe des Heiligen Geistes darreicht.“

Zuerst hatte den „Psalter Davids“ der Leipziger Tomaskantor Seth Kalwitz in mehrstimmigen Sätzen zu den von Becker vorgeschlagenen, bereits bekannten Melodien vertont (1617/18), dann aber meisterhaft Heinrich Schütz (1628) mit 92 neuen Melodien und vierstimmigen Chorsätzen dazu. 1661 gab Schütz noch die restlichen 58 Psalmlieder vertont heraus.

Im Alter von noch nicht 43 Jahren starb Becker am 25. Mai 1604 in Leipzig. Der Superintendent Weinrich hielt ihm die Leichenpredigt und nannte dabei Becker eine „recht brennende Fackel, einen recht gewachsenen Zedernbaum“.

Von seinen 150 Psalmliedern standen fünf zum Teil überarbeitet im Evangelischen Kirchengesangbuch (EKG). Unter ihnen ist das Lied über den 119. Psalm besonders bekannt und wird auch heute in vielen Gottesdiensten (mit Melodie und Satz von Heinrich Schütz) gern gesungen. In ihm geht es um das rechte Leben des Katholiken im Alltag. Er kann dann seines Glaubens leben, wenn er in Gottes Wort, d.h. der katholischen Kirche, fest verankert ist.


Verweise



Einzelnachweise

  1. 2. Pfarrer