Ratzinger und Fatima

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  • Messori im Gespräch mit Kardinal Ratzinger
  • Aus: Zur Lage des Glaubens. Ein Gespräch mit Kardinal Ratzinger. Verlag Neue Stadt, München 1985


Fatima und die Marienerscheinungen

Einer der vier Sektionen der Glaubenskongregation (der sogenannten Disziplinarabteilung) kommt die Aufgabe zu, die Marienerscheinungen zu beurteilen.

Messori:
Herr Kardinal, haben Sie das sogenannte "dritte Geheimnis von Fatima" gelesen, jenes, das Schwester Lucia, die einzige noch Lebende aus der Gruppe der Seher, Papst Johannes XXIII. übermittelte, der es, nachdem er es geprüft hatte, Ihrem Vorgänger, Kardinal Ottaviani, mit dem Auftrag übergab, es in den Archiven des Heiligen Offiziums zu verwahren?

Ratzinger:
"Ja, ich habe es gelesen."

In der Welt - erwidere ich - kursieren nie dementierte Gerüchte, die die Inhalte jenes "Geheimnisses" als beunruhigend, apokalyptisch, als Ankündigung schrecklicher Leiden schildern. Johannes Paul II. selbst hat offenbar auf seinem Pastoralbesuch in Deutschland (wenn auch mit vorsichtigen Umschreibungen, privat in einem erlesenen Kreis) die gewiß nicht trostvollen Inhalte jenes Textes bestätigt. Bereits vor ihm hat wohl auch Paul VI. auf seiner Pilgerreise nach Fatima die "apokalyptischen" Themen des "Geheimnisses" angedeutet. Warum hat man sich nie zu einer Veröffentlichung entschlossen, gerade auch um gewagten Spekulationen entgegenzuwirken?

Ratzinger:
"Wenn bis jetzt diese Entscheidung nicht getroffen wurde, dann nicht etwa deshalb, weil die Päpste etwas Schreckliches verbergen wollen."

Dann gibt es also "etwas Schreckliches" in jenem Manuskript von Schwester Lucia, insistiere ich.

Ratzinger:
"Wenn es auch so wäre - erwidert er, indem er es vermeidet, weiter einzudringen -, nun gut, dies würde nur den schon bekannten Teil der Botschaft von Fatima bestätigen. Von jenem Ort aus ist ein ernstes, gegen die vorherrschende Leichtfertigkeit gerichtetes Signal ergangen, eine Mahnung in bezug auf den Ernst des Lebens, der Geschichte, und in bezug auf die Gefahren, die die Menschheit bedrohen. Es ist das, woran Jesus selbst sehr oft erinnert, indem er sich nicht scheut zu sagen: "Wenn ihr euch nicht bekehrt, werdet ihr alle umkommen."[1] Die Bekehrung - und Fatima ruft es voll in Erinnerung - ist eine beständige Forderung an das christliche Leben. Wir müßten es bereits von der gesamten Heiligen Schrift her wissen."


Gibt es also keine Veröffentlichung, zumindest nicht jetzt?

Ratzinger:
"Der Heilige Vater ist der Ansicht, daß es dem nichts Neues hinzufügen würde, was ein Christ aus der Offenbarung und auch aus den von der Kirche anerkannten Marienerscheinungen mit ihren bekannten Inhalten her wissen muß, die die Dringlichkeit von Buße, Bekehrung, Vergebung, Fasten nur bestätigen. Würde man das "dritte Geheimnis" veröffentlichen, so würde man sich auch der Gefahr aussetzen, daß der Inhalt für Sensationen mißbraucht wird."


Vielleicht auch politischen Implikationen, wage ich in Anbetracht der Tatsache zu sagen, daß offenbar auch hier - wie in den anderen beiden "Geheimnissen" - Rußland erwähnt ist?

An diesem Punkt jedoch erklärt der Kardinal, daß er nicht in der Lage sei, weiter einzudringen, er weigert sich mit Nachdruck, auf andere Besonderheiten einzugehen. Andererseits hatte zur Zeit unseres Gespräches der Papst wiederum die Welt (mit einer besonderen Bezugnahme auf Osteuropa) dem Unbefleckten Herzen Mariens geweiht, genau der Aufforderung der Muttergottes von Fatima entsprechend.[2]

Und derselbe Johannes Paul II. begab sich, von seinem Attentäter an einem 13. Mai - dem Jahrestag der ersten Erscheinung in der portugiesischen Ortschaft - verwundet, auf eine Pilgerreise nach Fatima, um Maria zu danken, "deren Hand auf wunderbare Weise das Geschoß gelenkt hat", und er schien sich auf die Vorankündigungen zu beziehen, die durch eine Gruppe von Kindern der Menschheit mitgeteilt worden waren und die auch die Päpste persönlich betrafen.

Um beim Thema zu bleiben, es ist wohl bekannt, daß bereits seit Jahren ein Dorf in Jugoslawien, Medjugorje, im Zentrum der Weltöffentlichkeit steht wegen der wiederholten "Erscheinungen", die - mögen sie wahr sein oder nicht - schon Millionen von Pilgern angezogen, aber auch zu bedauerlichen Konflikten zwischen den Franziskanern, die die Pfarrei leiten, und dem Bischof der Ortsdiözese geführt haben. Ist ein klärendes Wort der Glaubenskongregation, der obersten Instanz in dieser Sache, zu erwarten, natürlich mit der für jedes ihrer Dokumente erforderlichen päpstlichen Approbation?

Ratzinger:
"Auf diesem Feld ist mehr denn je die Geduld ein Grundsatz der Politik unserer Kongregation. Keine Erscheinung ist glaubensnotwendig; die Offenbarung ist mit Jesus Christus abgeschlossen. Er selbst ist die Offenbarung. Aber wir können Gott gewiß nicht daran hindern, in diese unsere Zeit hinein durch einfache Personen und auch durch außergewöhnliche Zeichen zu sprechen, die auf die Unzulänglichkeit der uns beherrschenden, von Rationalismus und Positivismus geprägten Kulturen hindeuten.

Die Erscheinungen, die die Kirche offiziell anerkannt hat - vor allem Lourdes und dann Fatima -, haben einen klar umgrenzten Ort in der Entwicklung des kirchlichen Lebens im letzten Jahrhundert. Sie zeigen unter anderem, daß die Offenbarung - obwohl sie einmalig, abgeschlossen und folglich unüberbietbar ist - nicht etwas Totes ist, sondern etwas Lebendiges und Vitales. Im übrigen - von Medjugorje zunächst abgesehen, über das ich keinerlei Urteil abgeben kann, da sich der Fall noch in der Überprüfung befindet - ist eines der Zeichen unserer Zeit, daß sich die Meldungen über "Marienerscheinungen" in der ganzen Welt häufen. Zum Beispiel erreichen auch aus Afrika und aus anderen Kontinenten unsere Disziplinarabteilung entsprechende Berichte."


Aber, frage ich, auf welche anderen Kriterien außer der Geduld und der Vorsicht stützt sich angesichts der Häufung dieser Fakten die Kongregation in ihrem Urteil?

Ratzinger:
"Eines unserer Kriterien ist - sagt er -, daß wir den Gesichtspunkt der wirklichen oder vermuteten "Übernatürlichkeit" der Erscheinung von jenem ihrer geistlichen Früchte trennen. Die Wallfahrten der alten Christenheit konzentrierten sich oft auf Orte, über die unser moderner kritischer Geist bisweilen entsetzt wäre, gerade was die "Wissenschaftliche Richtigkeit" der daran geknüpften Tradition betrifft. Das hindert nicht, daß jene Wallfahrten fruchtbar, segensreich, heilsam und wichtig für das Leben des christlichen Volkes waren. Das Problem ist nicht so sehr jenes der modernen Hyperkritik (die übrigens letztlich in einer Form neuer Gläubigkeit landet), sondern besteht in der Bewertung der Lebendigkeit und der Rechtgläubigkeit des religiösen Lebens, das sich um diese Orte herausbildet."


Verweise


Einzelnachweise

  1. Lk 13, 3
  2. Das ist glatt gelogen!