Sachsenspiegel

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Der Sachsenspiegel ist ein Rechtsbuch des Eike von Repgow. Es gilt als das bedeutendste und, gemeinsam mit dem Mühlhäuser Reichsrechtsbuch, älteste Rechtsbuch des deutschen Mittelalters. Zugleich ist der Sachsenspiegel die erste in mittelniederdeutscher Sprache verfasste Prosaliteratur.

Erstellung

Jede rechtshistorische Epoche ist durch die Art ihrer Rechtsquellen gekennzeichnet. Im Hochmittelalter, das bis ins 13. Jahrhundert reichte, zersplitterte das Recht der einzelnen germanischen Stämme. Es entstanden eine Fülle von Landes- und Ortsrechten und als besondere Quellengruppe die Landfrieden. Im folgenden Spätmittelalter gab es neben dem umfangreich rezipierten römischen Recht heimische Quellengruppen: Rechtsbücher, Stadtrechte und ländliche Weistümer.

Rechtsbücher waren Arbeiten einzelner Verfasser ohne amtlichen Auftrag. Es wurde das Gewohnheitsrecht eines bestimmten Gebietes in volkstümlicher Sprache aufgezeichnet. Ein bedeutendes, wenn nicht das bedeutendste Rechtsbuch des Mittelalters, schuf Eike von Repgow: den Sachsenspiegel. Mittelalterliches Recht war mündlich überliefertes Gewohnheitsrecht. Alter, Bewährung und Verständlichkeit kennzeichneten es. Systematische Geschlossenheit, begriffliche Klarheit und logische Stringenz waren nicht vorhanden.

Durch den Tod Heinrichs VI. im Jahr 1197 begannen die Krisenjahre durch den staufisch-welfischen Gegensatz. Der Mord an Philipp von Schwaben 1208, der als Platzhalter fungierte, und der Aufstieg Friedrichs II. prägten das deutsche Reich. Der Mainzer Landfrieden von 1235 sollte das zersplitterte Reich ordnen, verhinderte jedoch nicht die territorialen Landesherrschaften.

Im 13. Jahrhundert wurde die Rechtsprechung durch Laien gepflegt. Territorien, Städte und Dörfer hatten verschiedene Gerichte und Instanzen. Zudem gab es Unterschiede bezüglich der Stände. Ein großer Kreis von Männern befaßte sich folglich mit der Rechtspflege (Urteiler, Dingleute, Gerichtsschöppen).

Rechtskenntnisse waren also allgemein verbreitet, aber nicht aufgezeichnet. Das Rechtswissen lebte im Rechtsbewußtsein der Generationen, zugleich durch die Überlieferung gebunden und durch die wechselnden Erlebnisse und Anschauungen der Zeit geprägt in jenem geheimnisvollen Prozeß der Tradition und Assimilation, den man mit dem Begriff der Entwicklung nur sehr unvollkommen erfaßt. Das Rechtswissen entstand durch wenige Satzungen, Urkunden und mündliche Berichte sowie eigene Erfahrungen.

Daraus ergibt sich die große Leistung Eikes von Repgow, der als Erster hervortrat und ein umfangreiches Rechtsbuch in niederdeutscher Sprache verfaßte. Es ist das erste große Rechtsdokument in Deutschland, das in niederdeutscher Sprache verfaßt wurde. Eike von Repgow wollte das überlieferte Recht seines Stammes und das Recht als Bestandteil der christlichen Weltordnung schriftlich niederlegen.

Im Jahr 2005 verglich der Kanonist Peter Landau den Buchbestand des [[Altzelle|Zisterzienserklosters Altzelle]] mit den Quellen Eikes von Repgow und kam zu dem Schluß, daß eine Entstehung in der Nähe von Altzella wahrscheinlich sei.

Der Sachsenspiegel war kein Gesetz. Der Autor hatte sich zur Aufgabe gemacht, das bestehende Gewohnheitsrecht schriftlich zu fixieren; er hielt notfalls auch an nicht mehr gängigem Recht fest. Aus diesem Traditionalismus gewann das Rechtsbuch seine Autorität, so daß es schon bald als ein offizielles Gesetzbuch betrachtet wurde.


Die mittelniederdeutsche Fassung des Sachsenspiegel beruht auf einer lateinischen Fassung unbekannten Datums und entstand nicht in einem Wurf, sondern in der Zeit von 1220 bis 1235.[2] Als Vorlage diente ein Lehnrechtsbuch namens „Auctor vetus de beneficiis“. Der Graf Hoyer von Falkenstein bat Eike von Repgow, den Sachsenspiegel im elbostfälischen Dialekt des Niederdeutschen zu verfassen. In der Reimvorrede erkennt man mehrere Autoren. Zwei weitere Redakteure betätigten sich später, sodaß der erste Teil der Reimvorrede nicht von Eike von Repgow stammt.

Inhalt

Der Sachsenspiegel umfaßt zwei Rechtsbereiche, das Landrecht und das Lehnrecht. Erst um 1300 erfuhr er eine Dreiteilung.

  • Das Landrecht ist das Recht der freien Leute einschließlich des Bauern. Es regelt Grundstücksangelegenheiten, Erbschaftssachen, den Ehestand, die Güterverteilung und Nachbarschaftsangelegenheiten. Es umfasst zudem Strafrecht und die Gerichtsverfassung.
  • Das Lehnrecht regelt die Verhältnisse zwischen den Ständen im Land, beispielsweise die Wahl der Könige, Lehnspflichten usw. Man kann es mit dem heutigen Verfassungsrecht vergleichen.

Nicht geregelt werden im Sachsenspiegel das Dienstrecht, das Hofrecht und das Stadtrecht, was mit dem Aufstreben der Städte im Mittelalter zu Unklarheiten führte. Obwohl der Verfasser im Prolog die Unvollständigkeit seiner Sammlung ansprach und wegen dessen Verbesserungsbedürftigkeit um die Mithilfe der Zeitgenossen bat, wurden diese zentralen Punkte dem Sachsenspiegel nicht zugefügt.

Der Sachsenspiegel ist in vier teils vergoldeten Bilderhandschriften (Dresdner, Heidelberger, Oldenburger und Wolfenbütteler Bilderhandschrift) sowie insgesamt 435 Handschriften[1] und Fragmenten überliefert. Die Rechtssätze wurden nach dem Leben gestaltet. Als Vorlage dienten Gerichtsverhandlungen.

Insgesamt sind die Rechtssätze ausdrucksvoll, anschaulich und bildhaft. Teilweise erscheinen feierliche Sätze und Rechtssprichwörter („Wer ouch erst zu der mulen kumt, der sal erst malen“; „Wor zwene man ein erbe nemen sollen, der eldeste teile unde der iungere kise“). Das Recht des Sachsenspiegels ist ein sakrales, nicht säkulares Recht. Der Sachsenspiegel weist zahlreiche biblische Bezüge auf. „So bilden Vernunft und göttliche Wahrheit die Maßstäbe, an denen Eike das heimische Gewohnheitsrecht mißt. Wie andere Specula des Mittelalters, so zeigt auch der Sachsenspiegel nicht bloß ein Abbild, sondern zugleich ein Vorbild.“[2] Die Normen sind nicht pragmatisch, sie sind religiös begründet.

Die agrarisch geprägte Lebenswelt des Mittelalters wird beschrieben: „Fischteiche werden angelegt, Wälder gerodet, Häuser gebaut. Verträge werden geschlossen, Missetäter bestraft. Erbe und Eigen an Grund und Boden sowie an beweglicher „Habe“ werden umfassend behandelt.“ Neben dem Erbrecht wird auch Familienrecht erklärt, etwa das Verhältnis zwischen Mann und Frau und die Gütergemeinschaft.

Ausführlich wird das mittelalterliche Gerichtsverfahren beschrieben. Oberster Richter ist der König. Dreimal jährlich tagt das zentrale Grafengericht. Vorsitzender ist der Graf oder ein Stellvertreter. Das Urteil fällen die Schöffen. Gerichtssprache ist deutsch, jedoch hatte der Beklagte ein Recht auf seine Muttersprache.

Einen Schwerpunkt legte Eike von Repgow auf das Strafrecht. Ursprung waren die zahlreichen Landfrieden, die schließlich nicht durchsetzbar waren. Notwehr wird als rechtlich anerkanntes Abwehrmittel anerkannt. Die Regeln des gerichtlichen Zweikampfes werden ausführlich beschrieben. Es werden verschiedene Todesstrafen aufgezählt, die Voraussetzungen und Folgen der Acht werden erklärt.

Ebenfalls besprochen wurde die Zweischwerterlehre. Eike von Repgow befürwortete den ursprünglichen Gedanken der Gleichberechtigung von Papst und Kaiser, was zum Widerspruch des Papstes gegen einige Teile des Sachsenspiegels führte.

Er schildert weiterhin die Königswahl. Dies war der Ausgangspunkt für die spätere „Goldene Bulle“ von 1356. Das Kaisertum im Unterschied zum Königtum beruht auf der Weihe durch den Papst.

Besondere Beachtung erlangte der Sachsenspiegel durch die Entwicklung der sieben Heerschilde:

  1. König
  2. geistliche Fürsten
  3. weltliche Fürsten
  4. freie Herren
  5. Schöffenbarfreie, Lehnsmänner freier Herren, Ministeriale
  6. Lehnsleute von Schöffenbarfreien etc.
  7. unbenannt.

Bauern und städtische Bürger werden nicht genannt.

Auch in unserem heutigen Recht lassen sich Verbindungen zum mittelalterlichen Sachsenspiegel finden. Beispiele für Parallelen finden sich im Erbrecht, Nachbarschaftsrecht, Straßenverkehrsrecht oder Umweltrecht. Das bekannteste Beispiel aus dem Privatrecht ist wohl der sogenannte Überhang.

Das Überhängen von Bäumen und das Durchwachsen von Wurzeln über die Grundstücksgrenzen beziehungsweise das Herüberfallen von Obst in des Nachbarn Garten müssen schon im Mittelalter zu Rechtsstreitigkeiten geführt haben. Interessant hierbei ist ein direkter Vergleich der Rechtstexte von Sachsenspiegel[3] und BGB.[4] Bedeutende Regeln des heutigen Rechts gehen auf den Sachsenspiegel zurück. So das Festnahmerecht (Jedermann) auf die „handhafte Tat“ (Ldr. II 35) oder der „Dreißigste“ des § 1969 BGB.

Bedeutung und Verbreitung

Der Sachsenspiegel, eines der ersten Prosawerke in deutscher Sprache, gilt als bedeutendes Zeugnis für die beginnende Vereinheitlichung der deutschen[5] Schriftsprache. Obgleich nur private Sammlung und Aufzeichnung des sächsischen Gewohnheitsrechts, gewann der Sachsenspiegel bald derartigen Einfluß, daß er namentlich im sächsischen bzw. norddeutschen Raum bis weit in die Neuzeit hinein eine wichtige Grundlage für die Rechtsanwendung und Rechtsprechung war.

Vor allem durch die zahlreichen Glossen – die teilweise Gerichten als Hilfswerk dienten – wurde der Sachsenspiegel kommentiert (z. B. vom brandenburgischen Hofrichter Johann von Buch Anfang des 14. Jahrhunderts). Die große Wirklichkeitsnähe (erprobtes und bewährtes Recht) verhalf der Rechtssammlung zu hoher Akzeptanz, die sich dadurch relativ schnell über weite Landstriche von den Niederlanden bis in das Baltikum ausbreitete.

Der Sachsenspiegel wurde schnell Vorbild für weitere Rechtsbücher, wie für den Augsburger Sachsenspiegel, den Deutschenspiegel, den Schwabenspiegel und unter anderem für zahlreiche polnische Drucke sowie für das Meißener Rechtsbuch. Seine Verbreitung wurde besonders im so genannten Magdeburger Recht durch die Stadtgründungen bei der Ostkolonialisierung gefördert, und die Verleihung von Stadtrechten nach diesem Vorbild bis weit in den osteuropäischen Raum hinein.

Der Sachsenspiegel galt in Preußen bis zum Allgemeinen Landrecht von 1794, in Sachsen bis 1865,[6] in Holstein, Anhalt und Thüringen als subsidiäre Rechtsquelle bis zur Ablösung durch das BGB 1900. Das Lehnrecht erlosch in Preußen erst 1850. Privatrechtlich beriefen sich Richter des Reichsgerichts in Einzelfällen auch noch nach 1900 auf den Sachsenspiegel.

Der Sachsenspiegel beeinflusste Mittel-, Ost- und Südosteuropa mit seinen Rechtsgedanken. Darin erkennt man die außerordentliche Stellung des Sachsenspiegels in der gesamten Rechtsgeschichte. Kein deutsches Rechtsbuch hat jemals wieder eine solch zeitlich lange und örtlich weitverbreitete rechtliche Geltung erlangt.

Der Beeinflussung osteuropäischer Rechtsordnungen durch das deutsche Recht in Gestalt des Sachsenspiegels und des Magdeburger Rechts widmet sich ein Projekt an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Der Sachsenspiegel hat in der deutschen Sprache markante Spuren hinterlassen; noch heute sind einige geläufige Redewendungen auf ihn zurückzuführen. Eines der bekanntesten Beispiele ist die Norm II 59 § 4, die besagt: „Wer zuerst komme, der mahle zuerst.“

Im Jahr 2010 ist ein Exemplar eines Sachsenspiegels aus dem Jahr 1481 in der Stadtbücherei im schwedischen Sundsvall gefunden worden. Eine Bibliothekarin entdeckte das in mittelniederdeutscher Sprache verfasste Buch beim Ausräumen in einem Kellermagazin.

Zensuren

Einzelne Artikel des Sachsenspiegels wurden durch Papst Gregor XI. verurteilt.

Verweise


Einzelnachweise

  1. 341 Landrecht, 94 Lehnrecht
  2. Karl Kroeschell
  3. Ldr. II 52 §§ 1, 2 Heidelberger Handschrift
  4. §§ 910 f.
  5. mittelniederdeutschen
  6. Einführung des Sächsischen BGB