Schlacht an der Recknitz

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  • Oktober 955


König Otto I. an der Recknitz


Otto I. wurde im Jahre 936 als Nachfolger seines Vaters, Heinrich I., in der nahe bei Aachen gelegenen Basilika Karls des Großen von den ersten Fürsten des Reiches zum König gewählt. Die "Großen des Reiches" waren vor allem die Herzöge (Lothringen, Franken, Schwaben, Bayern, Sachsen) sowie die Erzbischöfe (Mainz, Köln, Trier) und andere hochgestellte Kleriker.

Im selben Jahr ernannte der 24 jährige König Hermann Billung zum Militärbefehlshaber mit dem Auftrag, die dem Reich im Norden vorgelagerten Länder unter Kontrolle zu bringen. Das als Billunger Mark bezeichnete Gebiet wurde im Norden von der Ostsee begrenzt, während die Südgrenze im östlichen Teil von der Peene gebildet wurde. Gegen Ende 936 oder am Anfang des folgenden Jahres betraute der König den Markgrafen Gero mit der gleichen Aufgabe für die südlich der Billunger Mark gelegene Ostmark.

Die Bildung der Marken erfolgte, um einerseits dem Sieg Heinrichs I. dauerhaften Charakter zu verleihen und andererseits die Wenden in das Reich einzuordnen. Heinrich I. hatte als Resultat der Schlacht bei Lenzen (929), einem Ort an der Löcknitz zwischen Perleberg und Dömitz, die westlich der Oder siedelnden Abodriten, Wilzen, Stoderaner und Redarier unterworfen und verpflichtet, ihm Tribut zu zahlen.

Die Übertragung der politisch bedeutsamen Aufgaben an Hermann Billung und Gero rief die Erbitterung anderer Fürsten hervor, deren Ehrgeiz durch die Wahl, die der König getroffen hatte, verletzt worden war. Einer dieser Enttäuschten war Wichmann, der "hochstrebende und kriegserfahrene“ Schwager des Königs und Bruder Hermann Billungs. Die Ernennung Geros bewirkte ebenfalls den Unwillen einer hochgestellten Person: Der Bruder des Königs, Thankmar, wollte gerne selbst die mit der Aufgabe verbundene Machtposition einnehmen und versuchte, für sein Ziel Verbündete zu gewinnen.

Nachdem Otto I. die personellen und organisatorischen Voraussetzungen zur Realisierung seiner Vorhaben an der Nord- und Ostgrenze des Reiches durch die Auswahl geeigneter Personen und ohne ehrgeizige Bestrebungen anderer zu beachten geschaffen hatte, betrieb er unverzüglich die Gründung von drei Bistümern, - Oldenburg, Brandenburg (939), und Havelberg (939) - um die vorgesehenen Eroberungen durch die Wirkung der Kirchenorganisation zu festigen. Das Bistum Oldenburg unterstellte er dem Erzbistum Hamburg, dessen Wirkungsbereich nach Osten mit der Billunger Mark übereinstimmte, während die beiden anderen Bistümer dem Erzbistum Magdeburg zugeordnet wurden.

Der Verwirklichung der Absichten des Königs standen aber erhebliche innenpolitische Schwierigkeiten im Wege, die zunächst auf dem Machtstreben seiner Brüder Thankmar und Heinrich sowie später auch seines Sohnes Liudolf beruhten. Vor allem aber opponierten die Herzöge, die die eigene Unabhängigkeit über die Einheit des Reiches stellten und sich deshalb dem König widersetzten. Im Hintergrund der zu andauernden kriegerischen Auseinandersetzungen führenden Verschwörungen gegen den König wirkte der Erzbischof von Mainz, der "wenn irgendwo auch nur ein Feind des Königs sich erhob, er sich als zweiter sofort dazugesellte“. Die Haltung des Erzbischof beruhte darauf, daß er zu den Kräften in der Kirche gehörte, die dem Papsttum eine Herrschaftsposition über der weltlichen Macht des Kaisers verschaffen wollten.

Auf den Machtkämpfen im Reich beruhten auch die Ereignisse, die zur Schlacht an der Recknitz führten. Was darüber bekannt ist, hat der Mönch Widukind im Kloster Korvey in der "Sächsischen Geschichte“ aufgeschrieben, die er - beginnend mit dem Jahre 967 - erfaßt hat, und alle in Anführungsstrichen gesetzten Passagen entstammen dieser Geschichtsquelle.

In die Kämpfe, die Otto I. nach 952 mit seinem Sohn Liudolf zu führen hatte, waren auch die Söhne Wichmanns und Neffen des Königs, Ekberht und Wichmann, verwickelt. Beide schlossen sich wegen der Kränkung; die der König ihrem Vater zugefügt hatte, Liudolf an, den der König, um ihn an sich zu binden, sogar zum Herzog von Schwaben ernannt hatte. Nachdem Liudolf sogar die Ungarn zu einem Einfall in das Reich bewogen hatte, und der König Regensburg, wo der Sohn mit seinen Anhängern verschanzt lag, Mitte des Jahres 954 eineinhalb Monate lang belagerte, unterwarf sich Liudolf schließlich. Die Ursache seines Nachgebens bestand darin, daß sich die Anzahl seiner Anhänger stark verminderte, als sein Paktieren mit den Ungarn bekannt wurde. Wichmann wurde im Zuge der Abrechnung mit den Verschwörern verhaftet, konnte aber fliehen, als die Ungarn 955 erneut in Bayern einfielen und die Aufmerksamkeit von der Aufstellung eines Heeresaufgebots in Anspruch genommen war.

Wichmann verbündete sich mit seinem Bruder Ekberht und versuchte, in Sachsen einen Aufstand anzuzetteln, der ihm die angestrebte Machtbasis bringen sollte. Der energische Widerstand Hermann Billungs vereitelte das Vorhaben jedoch, und Wichmarm wich über die Elbe in das Gebiet der Wenden aus. Hier nahm er Verbindung mit zwei Fürsten der Obodriten auf, den Brüdern Naco und Stoinef, die den Sachsen feindlich gesinnt waren und deshalb sowie durch die Schilderung der Lage, in der sich der König befand, leicht zum Krieg zu bewegen waren.

Hermann Billung verfügte jedoch nicht über ausreichende Kräfte, so daß er im Frühjahr 955 eine Befestigungsanlage nicht einnehmen konnte. Man nimmt an, daß dieser Burgwall - Widukind nennt ihn Suithleicrane - in der Nähe von Boitzenburg an der Elbe lag. Nach Ostern fielen die Abodriten unter der Führung Wichmanns in Sachsen ein, und da Hermann Billung dem Heer nicht gewachsen war, nahmen die Wenden einen Burgwall ein, in den sich Krieger und Bevölkerung geflüchtet hatten, töteten alle Volljährigen und führten Frauen und Kinder gefangen fort.

Nachdem Otto I. am 10. August 955 die Ungarn auf dem Lechfeld bei Augsburg vernichtend geschlagen hatte und dadurch eine unangefochtene Autorität im Reich gewann, wandte er sich sofort der Situation in der Billunger Mark zu. Sein Sohn Ludolf mußte ihn begleiten, wahrscheinlich weil der König ihn unter Kontrolle haben wollte. Über die Aktivitäten Wichmanns nach der erwähnten Einnahme des Burgwalls berichtet Widukind nichts. Da er jedoch von den verbündeten Wenden spricht, ist anzunehmen, daß Wichmann sich bemühte, ein Bündnis unter den wendischen Stämmen zustande zu bringen. Die Verbündeten werden in Annalen des Klosters Sankt Gallen als Abodriten, Wilzen, Zirzipaner und Tolenser bezeichnet, so daß Otto I. sich wiederum einer gefährlichen Situation gegenüber sah.

Der König, der die Brüder Ekberht und Wichmann zu Landesfeinden erklären ließ und den Frevel bestrafen wollte, den die Wenden begangen hatten, erreichte um den 10. Oktober die Recknitz und errichtete oberhalb des Flußes ein Lager. Über die Marschroute ist nichts bekannt, und den Ort des Lagers hat Widukind nicht näher bezeichnet. Jedenfalls zog das Heer "alles verwüstend und verbrennend“, wie es für die Kriegführung der Zeit üblich war, durch das feindliche Gebiet, bis es "endlich an die Recknitz“ kam. Aus dieser Schilderung ergibt sich die Annahme, daß der König auf der Suche nach dem feindlichen Heer einen langen Weg durch das Abodritenland gezogen war, nachdem er die Elbe überschritten hatte.

Dem Lager des Königs gegenüber befanden sich ein Sumpfgebiet vor dem Fluß und das "gewaltige Heer“ der Feinde unter dem Kommando Stoinefs, das den König daran hinderte, die notwendigen Arbeiten ausführen zu lassen, um den Marsch fortsetzen zu können. Im Rücken des Heeres hatten die Wenden die Straße, auf der der König gekommen war, mit Eichenstämmen versperrt und die Sperre mit Bewaffneten geschützt. Otto I. befand sich also in keiner günstigen Lage; die noch dadurch erschwert wurde, daß das Heer wegen der Strapazen des weiten Anmarsches und wahrscheinlich auch wegen der Versorgungsschwierigkeiten unter Krankheiten und Hunger litt.

Hermann Billung befand sich nicht beim König. Er hatte wohl andere feindliche Truppen daran zu hindern, sich mit Stoinef zu vereinen. Möglicherweise mußte er Naco isolieren, denn auch dieser befand sich nicht an der Recknitz, unterwarf sich und starb 965 oder 967. Seine Nachkommen, unter denen die Fürsten Mistivoi, Gottschalk und Heinrich zu erwähnen sind, spielten in den späteren Auseinandersetzungen der Wenden mit den Deutschen eine führende Rolle. Der König hatte aber den Markgrafen Gero zu sich beordert, der im Herbst des voraufgegangenen Jahres gerade den Stamm der Ukrer in der Uckermark unterworfen hatte.

Nachdem die beiden Heere viele Tage lang einander gegenüber lagen und der König den Übergang nicht erzwingen konnte, schickte er den Markgrafen Gero zu Stoinef, um ihn zu veranlassen, den Kampf einzustellen. Der König ließ dem Fürsten seine Freundschaft anbieten, um ihn geneigt zu machen, die Waffen ruhen zu lassen und sich zu unterwerfen. Die Unterredung fand "über den Sumpf und den Fluß“ statt, und obwohl Gero auf die bessere Bewaffnung der Deutschen hinwies, womit er wohl die von Heinrich I. geschaffene Truppe der Panzerreiter meinte, lehnte Stoinef das Angebot ab, da er ja die mißliche Lage des Heeres kannte.

Der König ließ daraufhin durch Gero die Umgebung erkunden, was ohne bemerkt zu werden möglich war, denn die Niederung bestand sicher aus einem Erlen- und Birkenbruch und ein großer Teil der Höhen war mit Wald und Unterholz bewachsen. Gero fand in einer Entfernung von etwa einer Meile, womit eine römische Meile mit einer Länge von 1479 m gemeint ist, eine geeignete Stelle, an der die Recknitz auf Brücken überquert werden konnte. Von großer Bedeutung für die Auswahl der Stelle mußte die Beschaffenheit des jenseitigen Talrandes gewesen sein, denn die Bewaffneten durften nicht durch einen verteidigten steilen Abhang beim Vorrücken in das feindliche Gebiet behindert werden.

Früh am Morgen des nächsten Tages; es war der 16. Oktober; ließ der König einen Scheinangriff durch eine Beschießung der Feinde mit Pfeilen und Wurfmaschinen führen, während Gero "mit seinen Freunden, der Ruanern“ den Ranen, das Lager verließ, in das Flußtal hinabstieg und an der ausgekundschafteten Stelle in großer Eile drei Brücken erbauen ließ. Nachdem das geschafft war, informierte er den König; der das Heer sofort zu den Brücken in Marsch setzte. Als Stoinef merkte, daß er einer Täuschung erlegen war; warf er sofort sein Fußvolk an die Gefahrenstelle und postierte sich mit den Reitern auf einem Hügel. Die Wenden hatten aber einen erheblich längeren Weg zurückzulegen als die Deutschen und waren deshalb und weil sie das sehr schnell tun mußten, stark ermüdet, hielten dem Angriff nicht stand und flohen. Die Krieger des Königs setzten ihnen nach, erschlugen viele und nahmen ihr Lager ein. Hierbei wurden ebenfalls viele Menschen getötet oder zu Gefangenen gemacht, wobei das Morden bis in die Nacht anhielt.

Stoinef floh ebenfalls mit zwei Begleitern, als er die Niederlage sah, wurde aber von einem Ritter namens Hosed gestellt und im Kampf überwunden. Hosed schlug dem Wendenfürsten den Kopf ab, nahm ihm die Rüstung und brachte beides als Siegestrophäe dem König, der diese Tat mit dem Einkommen aus 20 Hufen (Abgaben von 20 Bauernstellen) belohnte. Am folgenden Tag stellte man das Haupt Stoinefs zur Schau und enthauptete 700 Gefangene. Wichmann und Ekberht hatten den Ausgang des Kampfes offensichtlich rechtzeitig richtig einschätzen können, denn ihnen gelang es zu fliehen und nach Gallien zu gelangen, wo sie wiederum Verbündete gegen den König suchten.

Über den Ort des Geschehens herrscht unter den Historikern insofern im wesentlichen Einigkeit, als er indem Flußabschnitt zwischen Tessin und Bad Sülze angenommen wird. Zur näheren Bestimmung ist die Bemerkung Widukinds von Bedeutung; nach der die Heere sich offenbar an einer Flußbiegung gegenüber standen; denn die Wenden hatten nach dem Manöver des Königs einen längeren Weg zurückzulegen. Eine auffallende Flußbiegung befindet sich bei Bad Sülze; wo die Recknitz ihren Lauf von einer nordöstlichen in eine nordwestliche Richtung ändert. Von einem längeren Weg kann nur dann die Rede sein, wenn die Wenden rechts der Recknitz und am oberen Ende der Biegung standen. Das Ziel des Königs bestand auf diesem Kriegszug darin, die Wenden wegen der erwähnten Ermordung der Burgbesatzung zu bestrafen und "diesen Frevel zu rächen“. Otto I. suchte demnach nach ihnen und mußte seine Marschroute ihrer Rückzugsbewegung anpassen. Da sich die Zirzipaner und Tollenser den Obodriten angeschlossen hatten, liegt es nahe anzunehmen, daß die Wenden sich in das zirzipanische Grenzgebiet um Tribsees zurückziehen; den Übergang über die Recknitz aber verteidigen wollten. Wahrscheinlich hat es bei Bad Sülze in der damaligen Zeit schon einen Übergang gegeben, der durch den Burgwall bei Kavelsdorf gesichert wurde.

Das Lager des Königs könnte sich südlich des heutigen Stadtzentrums oberhalb des Tales befunden haben, denn in einer Entfernung von etwa 1,5 km, die Gero zurücklegte nachdem er "vom Lager hinabgestiegen“ war und die Brücken errichten ließ, befindet sich zwischen der Stadt und Schabow eine geeignete Stelle für den Übergang des Heeres. Hier unterbrechen zwei Senken den Talrand, so daß die deutschen Bewaffneten relativ leicht auf die Höhe gelangen konnten, während der von ihnen eingeschlossene Abschnitt des Talrandes den Hügel darstellen kann, von dem aus Stoinef das Treffen beobachtete. Wenn auch keine Gewißheit über den Ort des Kampfes erlangt werden kann, so spricht doch viel dafür, ihn bei Bad Sülze an der erwähnten Stelle anzunehmen.

Quellen

  • Widukind: Sächsische Geschichte, Herausgegeben von Alexander Heine. Phaidon Verlag 1990
  • Wigger, F.: Mecklenburgische Annalen bis zum Jahre 1066. Schwerin 1860


Verweise