Theodizee

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Wort

Theodizee heißt „Gerechtigkeit Gottes“ oder „Rechtfertigung Gottes“. Gemeint sind verschiedene Antwortversuche auf die Frage, wie das subjektive Leiden in der Welt vor dem Hintergrund zu erklären sei, daß Gott einerseits allmächtig, andererseits gut sei. Konkret geht es um die Frage, warum Gott das Leiden zuläßt, wenn er doch die Allmacht und den Willen besitzen müßte, das Leiden zu verhindern. Die Bezeichnung „Theodizee“ geht auf den Philosophen und frühen Vordenker der Aufklärung Gottfried Wilhelm Leibniz zurück.

Heilige Schrift

Durch die gesamte Bibel findet sich immer wieder der Hinweis, daß Gott durch Leiden Menschen in seine Nähe ziehen möchte: Nachdem Hiob durch das Leid gegangen ist, sagt er am Ende des Buches in Hiob 42,5: „Nur vom Hörensagen hatte ich von Dir vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.“

Ähnliche Aussagen sind zu finden in:

  • Ps 78,34: „Gab er sie dem Tode preis, dann suchten sie ihn, kehrten um und mühten sich eilends um Gott.“
  • Röm 8,28: „Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluß berufen sind.“
  • Heb 12,5-11: „Habt bereits den Trost vergessen, der zu euch redet wie zu seinen Kindern (Spr 3,11–12): ‚Mein Sohn, achte nicht gering die Erziehung des Herrn und verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst. Denn wen der Herr lieb hat, den züchtigt er, und er schlägt jeden Sohn, den er annimmt.’ Es dient zu eurer Erziehung, wenn ihr dulden müsst. Wie mit seinen Kindern geht Gott mit euch um; denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt? … Dieser aber tut es zu unserm Besten, damit wir an seiner Heiligkeit Anteil erlangen. Jede Züchtigung aber, wenn sie da ist, scheint uns nicht Freude, sondern Leid zu sein; danach aber bringt sie als Frucht denen, die dadurch geübt sind, Frieden und Gerechtigkeit.“

Es wird gewarnt, daß Menschen, denen es sehr gut geht, dazu neigen, Gott zu vergessen: „Als aber Jeschurun fett ward, wurde er übermütig. Er ist fett und dick und feist geworden und hat den Gott verworfen, der ihn gemacht hat.“[1]

Menschliches Urteil ist begrenzt

Eine bestimmte Interpretation der Bibel besagt, dem Menschen erscheinen Dinge als übel, aber er kann nicht objektiv urteilen. Für Gott habe das Übel einen Sinn, obwohl es aus menschlicher Sicht unverständlich ist. Gott ist demnach nicht nur für das verantwortlich, was Menschen subjektiv als „gut“ bewerten, sondern für alles, wenn man seine Allmacht ernst nehmen will. Dies wird u. a. mit folgenden Stellen der christlichen Bibel begründet:

  • Gott habe demnach auch das Unheil erschaffen: „Ich [Gott] bilde das Licht und erschaffe das Finstere, bewirke das Gute und erschaffe das Unheil. Ich bin der Herr, der das alles vollbringt.“[2]
  • Oder geschieht ein Unglück in der Stadt, und der HERR hätte es nicht bewirkt?[3]
  • Alles, d. h. ausnahmslos jedes Wesen, diene Gott.[4]
  • Gott mache alles zu seinem Zweck, auch den Gottlosen.[5]
  • Auch Unglaube wird als gottgewirkt angesehen, denn „Gott gibt ihnen einen Geist der Betäubung, Augen die nicht erblicken“.[6]
  • „Heißt das nun, daß Gott ungerecht handelt? Keineswegs! Denn zu Mose sagt er: Ich schenke Erbarmen, wem ich will, und erweise Gnade, wem ich will. Also kommt es nicht auf das Wollen und Streben des Menschen an, sondern auf das Erbarmen Gottes. In der Schrift wird zum Pharao gesagt: Eben dazu habe ich dich bestimmt, daß ich an dir meine Macht zeige und daß auf der ganzen Erde mein Name verkündet wird. Er erbarmt sich also, wessen er will, und macht verstockt, wen er will.“[7]
  • „Nun wirst du erwidern: Was tadelt Er dann noch? Wer hat denn je Seiner Absicht widerstanden? – O Mensch, in der Tat, wer bist denn du, Gott gegenüber eine solche Antwort zu geben? Das Gebilde wird doch nicht dem Bildner erwidern: Warum hast du mich so gemacht? – Hat der Töpfer nicht Vollmacht über den Ton, aus derselben Knetmasse das eine Gefäß zur Ehre und das andere zur Unehre zu machen?“[8]
  • Gott hat die Macht, auch das Wirken Satans ohne Weiteres vollständig zu unterbinden oder einzuschränken, wie es im vollendeten Gottesreich geschehen werde: „Er [ein Bote Gottes] bemächtigte sich des Drachen, der uralten Schlange (die der Widerwirker und der Satan ist) und band ihn für 1.000 Jahre.“[9]
  • So war auch die Kreuzigung Jesu in seinem Plan festgelegt gewesen, und niemand hätte es verhindern können: „Herodes wie auch Pontius Pilatus mit den Nationen und den Völkern Israels [waren versammelt], um alles auszuführen, was deine Hand und dein Ratschluß vorherbestimmt hatten, daß es geschehe.“[10]
  • Das Böse, das dem Menschen geschieht, wird als Prüfung angesehen, welche zur Standfestigkeit im Glauben beiträgt: „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“[11]
  • Gott läßt Böses zu, um ein größeres Gutes zu ermöglichen.

Theologen

Laktanz

Diese Argumentation wurde von dem Rhetoriklehrer und Apologeten Laktanz überliefert. Ähnliche Argumente lassen sich ebenfalls für andere Eigenschaften Gottes konstruieren, d.h. wenn Gott allwissend ist, dann erkennt er das Übel und wenn Gott allgütig ist, dann will er das Übel verhindern. Das Problem wird nicht wesentlich modifiziert, wenn der Bereich der relevanten Übel spezifisch qualifiziert wird. So rekonstruiert, muß nach üblicher Analyse mindestens eine der obigen Aussagen modifiziert oder negiert werden.

Augustinus

Die Gegenüberstellung von Gegensätzen verschönt die Rede, erklärte Kirchenlehrer Augustinus, um fortzufahren: „so bewirkt die göttliche Redekunst, die statt der Worte sich der Dinge bedient, durch dieselbe Gegenüberstellung von Gegensätzen die Schönheit des Weltalls.“ Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz meinte: „Da aber die göttliche Weisheit … das erwählen mußte, was den besten Zusammenklang ergab und das Laster durch diese Pforte eingetreten ist: so wäre Gott nicht vollkommen gut, nicht vollkommen weise gewesen, wenn er es ausgeschlossen hätte.“

Luther

Martin Luther schreibt zu Ps 118: „Werde ein jeglicher auch ein Falke, der sich in solcher Not in die Höhe schwingen könne und wisse aufs erste sicher, zweifle auch nicht, daß ihm Gott solche Not nicht zum Verderben zuschickt, sondern daß er ihn damit zum Gebet, zum Rufen und zum Streit treiben will, damit er seinen Glauben übe und Gott erkennen lerne, in einem andern Anblick, als er es bisher getan hat, und gewöhne sich auch, mit dem Teufel und den Sünden zu kämpfen und durch Gottes Hilfe zu siegen.

Sonst lernten wir nimmermehr, was Glaube, Wort, Geist, Gnade, Sünde, Tod oder Teufel wäre, wo es immer in Frieden und ohne Anfechtung zugehen sollte. Damit würden wir denn Gott nimmermehr kennenlernen, wir würden nimmermehr rechte Christen. Er will, daß du zu schwach sein sollst, solche Not zu tragen und zu überwinden, auf daß du in ihm stark werden lernest und er in dir durch seine Stärke gepriesen werde.“

Leibnitz

Nach der Monadologie von Gottfried Wilhelm Leibniz gibt es eine unendliche Anzahl möglicher Welten. Von diesen hat Gott nur eine geschaffen, nämlich die vollkommenste, „die beste aller möglichen Welten“. Leibniz argumentierte:

  • Gottes unendliche Weisheit lasse ihn die beste unter allen möglichen Welten herausfinden,
  • seine unendliche Güte lasse ihn diese beste Welt auswählen,
  • und seine Allmacht lasse ihn diese beste Welt hervorbringen.

Folglich müsse die Welt, die Gott hervorgebracht hat – also die tatsächlich existierende Welt –, „die beste aller möglichen Welten“ sein, und jede Form des Übels sei letztlich notwendig und erklärbar.

Übel werden als „Mangel an Gutem“ gedeutet

Schon Augustinus und später Tomas von Aquin begründeten die Auffassung, das Übel habe kein eigenständiges Sein, sondern sei nur Mangel an Sein bzw. Mangel am Guten (privatio boni). Tomas nannte als Beispiel die Blindheit, die Entbehrung des Augenlichtes sei. Diese philosophische Position geht demnach von einem realen Mangel aus – im Gegensatz zu jener, die behauptet, das Leid bzw. das Übel sei für den davon Betroffenen nicht real.

Diese Privationstheorie hat eine „außerordentliche Erfolgsgeschichte“ hinter sich. Vom 2. bis in das 17. Jh. hinein war sie in fast allen philosophischen Systemen unumstritten – zwischen den Kirchenvätern und den spätantiken Philosophen, zwischen Aristotelikern und Platonikern, zwischen Thomisten und Skotisten, zwischen Pseudo-Reformatoren wie Philipp Melanchthon und Dogmatikern wie Robert Bellarmin sei dies ein Punkt gewesen, in dem man sich einig war.

Im 17. Jh. und bei einigen sogenannten Nominalisten im Universalienstreit bereits im 14. Jahrhundert wurde das Leiden hingegen als ein Seiendes – eine auf empirischen Feststellungen beruhende Tatsache – betrachtet. Daher komme dem Übel auch eine eigene Realität zu. Weiterhin wurde vorgebracht, daß auch ein bloßer Mangel an Gutem, der zu Leid führt, nicht mit der Allmacht und Allgüte Gottes zu vereinbaren sei.

Verweise



Einzelnachweise

  1. 5 Mos 32,15
  2. Jes 45, 7
  3. Amos 3,6
  4. Ps 119,91
  5. Spr 16,4
  6. Röm 11,8
  7. Rom 9, 14–18; siehe dazu 2 Mos 4, 21; 9, 12; 14, 4; 14, 7
  8. Röm 9, 19–21
  9. Offb 20,1ff
  10. Apg 4,26–28
  11. Hi 2,10