Thesen zum Reichsdualismus (Sander)

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  1. Der österreichisch-preußische Dualismus wurzelte nicht in eingefleischtem deutschen Partikularismus. Er entwickelte sich aus dem Ungenügen des Hauses Habsburg als Reichsdynastie. Kein anderes Geschlecht hat das Deutsche Reich so lange und so schlecht geführt.
  2. Seit Maximilian I. in ununterbrochener Erbfolge auf dem Kaiserthron, hätten die Habsburger nach dem 200jährigen Interregnum, das auf den Dynastozid an den Staufern folgte, dem Reich die innere und äußere Stärke zurückgeben können. Sie stellten allein ihre Hausmacht immer über alle Reichsinteressen.
  3. Als ultramontane Macht war das Haus Habsburg sowohl unwillig wie unfähig, in den beiden Jahrhunderten der religiösen Bürgerkriege die friedensstiftende konfessionelle Neutralität herzustellen, die zu den wesentlichen Aufgaben des Staates der Neuzeit gehörte.
  4. Preußen, aufgestiegen aus dem 30jährigen Krieg, leistete das, in Abwehr und Überwindung seiner Verheerungen, in einem Maße, wie es eine feste Burg für alle religiös Verfolgten, gerade auch aus den habsburgischen Ländern, darstellte. Es löste auch andere Hauptaufgaben der neuzeitlichen Staatsbildung in Verwaltung, Justiz, Raumordnung, Volksbildung und Volkswirtschaft so vorbildlich, daß es zum Magneten für die besten Köpfe aus ganz Deutschland wurde.
  5. Der preußische König wäre wohl legitimiert gewesen, nach der Kaiserkrone zu greifen. Das unterband der preußische Stil, das absolute Legalitätsprinzip und die tiefe Bescheidenheit. Mehr als ein deutscher Fürstenbund zur Abwehr der desaströsen Wiener Politik war bis zu Friedrich dem Großen undenkbar. Man kann in dieser Institution übrigens einen Vorläufer des Norddeutschen Bundes sehen, welcher der Reichsgründung von 1871 voranging.
  6. Die Niederlegung der deutschen Kaiserkrone vor dem Druck Napoleons und ihre Kompensation durch den Titel "Kaiser von Österreich“ legalisierten nur alte Verhältnisse. Der Kronentausch war ein habsburgisches Selbstbekenntnis, eindrucksvoll bestätigt durch den Verzicht während der Verhandlungen des Wiener Kongresses, der so vieles restaurierte, auf die Wiederherstellung des Deutschen Reiches.
  7. Die Blicke der Reichsdeutschen richteten sich wie von selbst auf Preußen. Seine Handlungsfähigkeit war indessen durch die Friedensordnung der Heiligen Allianz begrenzt. Als sie unter den revolutionären Erschütterungen von 1848/49 wankte, entzog sich Friedrich Wilhelm IV. allen Erwartungen, weil er, nicht vom Formate seines Ahnherren Friedrich des Großen, glaubte, für den Akt einer Reichsgründung nicht geschaffen zu sein.
  8. Preußens Weg zum Reich von 1848 bis 1871 war methodischer, als es nachklassische Geschichtsschreiber wahrhaben wollten. Seine Markierungen wurden nur nicht auf dem offenen Markt gehandelt. Bismarck war nach innen und nach außen zu einem Finassieren genötigt, das manchen Reichspatrioten, vor allem Gustav Freytag, irritierte. In allen richtigen Momenten aber ist immer richtig gehandelt worden.
  9. Die fortdauernde Rivalität zwischen Wien und Berlin führte 1866 zu einem Austrag mit Waffen, der nur halb entschieden wurde. Wilhelm I. und Bismarck verschlossen sich der Forderung Moltkes nach einer Annexion Österreichs: eine Monarchie abzusetzen, war für sie unvorstellbar. So fand sich 1871 nur Kleindeutschland zur Reichsgründung.
  10. Das Defensivbündnis von 1879, den sogenannten Zweibund, der vielen Zeitgenossen als Schlußstrich unter dem alten Dualismus erschien, band das kleindeutsche Reich, dessen Territorium für eine Selbstbehauptung in den heraufziehenden Weltkonflikten nicht ausreichte, an die Wiener Hofpolitik, ohne sie beeinflussen zu können. So geriet es 1914, als man sich in Wien nach der Ermordung des Thronfolgers in Serajewo nicht zu einer schnellen Sanktion entschließen konnte, in den Strudel des Weltkriegs, in dem es unterging.

Glossar

Was Preußen groß gemacht hatte, wurde dem preußisch geführten Zweiten Reich zur Verderbnis. 1866 hätte Preußen seine wohlerwogenen und wohlbewährten Prinzipien vorübergehend außer acht lassen müssen. Ein revolutionäres Zwischenspiel, und das Reich wäre wirklich saturiert entstanden. Der Zweibund machte dieses historische Versäumnis nur schlimmer. Ohne dieses Bündnis hätte die antideutsche Koalition 1914 keinen Grund gefunden, einen Krieg gegen das Deutsche Reich heraufzuführen. Dem Großen Kurfürsten wäre das nicht passiert. Unter seiner Hand bildeten sich die preußischen Prinzipien erst heran. Unter Wilhelm I. waren sie vielleicht schon zu erstarrt.


Verweise