Vergnügte Pleißenstadt

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  • BWV 216
  • BC G 43


Vergnügte Pleißenstadt ist eine Hochzeitskantate von Johann Sebastian Bach.


Die Quellen

Ein Bach'sches Partiturautograf hat sich weder im Original noch in einer Abschrift erhalten. Vom Originalstimmensatz sind lediglich die beiden Vokalstimmen Canto[1] und Alto überliefert. Diese Stimmen sind erstmals Anfang des 20. Jh. aufgetaucht und in Berlin gezeigt worden. Bevor eine sachgerechte Editon erfolgen konnte, waren die Stimmen bereits wieder in unbekanntem Privatbesitz verschwunden. Erst 2003 tauchten die Stimmen dann wieder auf.

Entstehung

Die Kantate ist zur Vermählung des Leipziger Kaufmanns Johann Heinrich Wolff mit Susanna Regina Hempel, der Tochter des Zittauer Akzisekommissars Christian Andreas Hempel entstanden. Die Trauung wurde am Donnerstag, dem 5. Februar 1728, durch Archidiakonus Johann Gottlob Karpzow vollzogen und zwar im „Schellhafferischen Hause“ in der Klostergasse.

Das 1717 erbaute Schellhaferische Haus, eine Weinschänke, seit 1767 als „Hôtel de Saxe“ bekannt und als Wohn- und Geschäftshaus bis 1968 erhalten, trägt seinen Namen des Weinhändlers Johann Schellhafer, der von 1720 bis 1722 Besitzer war. Der große Saal diente als beliebter Veranstaltungsraum für Festlichkeiten und als ständiges Aufführungslokal für das Görnersche Collegium musicum. Zweifellos wurde auch Bachs Kantate in diesem für musikalische Zwecke offenbar gut geeigneten Saal aufgeführt.

Über Bachs persönliche Beziehungen zu dem Brautpaar ist nichts bekannt. Johann Heinrich Wolff wurde seit 17. Januar 1727 als Bürger der Stadt Leipzig geführt und wirkte hier als Kauf- und Handelsmann im Tomasgäßchen, später auch als Kramermeister auf der Fernverkehrsstraße. Seine Frau Susanna Regina geb. Hempel wurde 1708 in Zittau getauft und starb am 1779 in Leipzig. Der Ehe entstammten acht Kinder.

Der Text der Kantate ist als ein Gespräch der beiden Flüsse Pleiße und Lausitzer Neiße konzipiert. Die Braut stammte aus Zittau an der Neiße.

Zur Parodiefrage

Die Sätze 3 und 7 unserer Kantate sind erstmals von Arnold Schering im Jahre 1921 als Parodien nach den Kantaten BWV 204 und 205 erkannt worden.

Die Sopranpartie „Angenehme Hempelin“ hat ihr Vorbild in der Sopranarie „Himmlische Vergnügsamkeit“. Auch das Duett „Heil und Segen“ stimmt mit seiner Vorlage, dem Duett „Zweig und Äste“, in allen prosodischen Merkmalen überein.

Ausgaben und Rekonstruktionen

Die erste Ausgabe unserer Kantate besorgte Werner Wolffheim gemeinsam mit dem Komponisten Georg Schumann. Hier wurden aber absichtlich die Parodien nicht berücksichtigt. Schumann zog es vor, „eigene“ Musiken zu dem überlieferten Text zu komponieren. Insofern kann die Veröffenlitchugn eigentlich nicht als Ausgabe oder Rekonstruktion der Kantate gelten.

In der NBA veröffentlichte Werner Neumann die Kantate im Jahre 1969. Da ihm die Originalstimmen nicht vorlagen, mußte er sich mit der Wiedergabe der [beiden] Stimmen aus der Zeit von vor 1924 begnügen. Sein dazu verfaßter Kritischer Bericht ist höchst lesenswert, profund und interessant.

Nach der Wiederauffindung der Stimmen im Jahre 2003 versuchte der US-Musikwissenschaftler Joshua Rifkin eine eigene Rekonstruktion.

Eine weitere Rekonstruktion wurde im Jahre 2008 von Alexander Ferdinand Grychtolik vorgelegt.

Text des Werkes

Arie (Duett Neiße/Pleiße): Vergnügte Pleißenstadt

Vergnügte Pleißenstadt / beglückte Neißenstadt,
dein Labsal wächst und glänzt vor andern allen, / dein Blühen wächst und glänzt vor andern allen.
Wer seine Lust an deinem Prangen übt / Wer seine Lust an deiner Schönheit übt,
Der wird und bleibt in dich verliebt, dem kann es nirgends mehr gefallen.

Rezitativ: So angenehm auch mein Revier

Neiße: So angenehm auch mein Revier,
So weicht mein Schönstes doch von mir.
Wohin, du anmutsvolle Hempelin?
Pleiße: Da, wo sie selber die Najaden
An Pleißens Ufern eingeladen.
Neiße: Ach, Pleißenstrand, verhaßter Pleißenstrand!
Wer hat dich ihr so eingelobt und schön genannt?
Du hast ja selbst bei dir
An schönen Kindern Überfluß,
Was willst du sie aus meiner Gegend holen?
Drum sag ich jetzo mit Verdruß:
Du hast mein Bestes mir gestohlen.

Arie: Angenehme Hempelin

Neiße: Angenehme Hempelin,
deine Seel' ist sonder Mängel,
dein Gesicht ist wie der Engel,
englisch ist dein ganzer Sinn.

Allerliebste Hempelin,
Du, du warest meine Zier,
Aber seit du nicht bei mir,
ist auch meine Krone hin.

Rezitativ: Erspare den Verdruß

Pleiße: Erspare den Verdruß,
beliebter Neißenfluß,
und sende deine Hempelin
zu mir mit gutem Willen hin!
Komm, wähle hier
auch unter meinen Söhnen!
Gesetzt nun, es gefiele dir
darunter auch ein Bräutigam
für eine deiner Schönen,
so hast du allemal
hierinnen eine freie Wahl.
Genug, daß ich will alle Morgen
dein schönes Kind mit Glück und Heil versorgen.

Arie: Mit Lachen und Scherzen

Pleiße: Mit Lachen und Scherzen,
mit Küssen und Herzen
Verbindet die Liebe das ewige Band.
Da scheinen die Jahre wie Tage verschwunden,
da werden auch selber die Stunden
Minuten genannt.

Rezitativ: Wie lieblich wird sie nun

Pleiße: Wie lieblich wird sie nun
Von meinen Weibern aufgenommen!
Schau, wie sie freundlich mit ihr tun!
Sie heißen sie durch mich willkommen.

Neiße: Es sei, nachdem ich überführt,
Daß meine Hempelin
An ihrer Freude nichts verliert.
Geliebter Wolff, der ihr geneigt und treu,
Nimm sie in ihrem Kranze hin!

Pleiße: Die Haube wird sie morgen kriegen.
Neiße: Das ist ja so der Jungfern ihr Vergnügen.
Pleiße: Indessen schließ' ich dieses Zwei
In mein getreues Wünschen ein.
Neiße: Mein Sinn soll wie der deine sein.

Arie (Duett): Heil und Segen

Pleiße
Heil und Segen
müss' euch, wertes Paar, verpflegen,
wie mein Fluß die Auen labt.
Neiße
Und die Wonne, die ihr habt,
soll und wird sich mit Ersprießen
reicher als mein Strom ergießen.
Pleiße
So werden die Seelen mit Wollust geziert,
Neiße
So werden die Wiegen mit Kindern geziert,
Beide
Und solches je länger, je lieber geführt.

Verweise




Einzelnachweise

  1. also „Sopran“