Zweischwerterlehre

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Die Einsetzung der zwei Schwerter durch Christus

Sie sprachen aber: Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter. Er aber sprach zu ihnen: Es ist genug. Lukas 22, 38

Kirche im Reich

Seit Kaiser Konstantin I. griffen die Kaiser teils massiv in die Angelegenheiten der KIrche ein. Die Konzilien wurden auf Anordnung des Kaisers einberufen, der persönlich oder durch Vertreter die Vorgehensweise des Konzils leitete. Nach der Teilung des römischen Reiches 395 und dem Untergang des westlichen Kaisertums nahm der oströmische Kaiser diese Rolle wahr.

Dabei stellte sich die Frage nach dem Verhältnis zwischen Reich und Kirche und zwischen weltlicher und geistlicher Gewalt. Nahmen Theologen wie Eusebius von Käsarea im 4. Jahrhundert unter dem Eindruck der konstantinischen Wende eine starke Identifizierung zwischen Reich und Kirche vor, plädierte Augustinus im 5. Jahrhundert in "De Civitate Dei" für eine deutliche Trennung zwischen politischer und Heilsgeschichte.

Die Zweischwerterlehre wurde erstmals 494 von Papst Gelasius I. formuliert. Dies geschah auf dem Hintergrund eines andauernden, durch kaiserliche Politik verursachten Schismas. Die Lehre des Monophysitismus war 451 durch das Konzil von Chalkedon verurteilt worden, besaß aber v.a. in Ägypten eine große Anhängerschaft.

Um zu vermeiden, daß der theologische Zwiespalt die Einheit des Reiches gefährde, betrieben die Kaiser seit Zenon eine ausgleichende Politik, die sie durch den Patriarchen von Konstantinopel auch kirchlich umsetzen ließen. Nach dieser Vorgehensweise vermied man es, gegenüber den Monophysiten das strittige Konzil zu erwähnen und tolerierte die Amtsführung monophysitischer Bischöfe in Ägypten und auch in Syrien, wo die Lehre sich nun zunehmend ausbreitete.

Dagegen protestierten die römischen Päpste, die an der Definition von Chalkedon großen Anteil hatten und weniger unter kaiserlicher Macht standen, so daß es zum Bruch zwischen Rom auf der einen und dem Konstantinopel folgenden Osten kam. Die Situation wurde 493 dadurch verschärft, daß mit Kaiser Anastasios I. ein monophysitischer Sympathien verdächtiger Mann den Thron bestieg.

Gelasiusbrief

Um seine Nichtanerkennung kaiserlicher Maßnahmen in Bezug auf die Beschlüsse des Konzils von Chalkedon zu betonen, schickte Papst Gelasius einen Brief an Kaiser Anastasios, in dem er lehrte, Gott habe zur Leitung der Welt die weltliche Gewalt und die geistliche Autorität der Bischöfe eingesetzt. Von diesen beiden sei das Gewicht der Priester um so schwerer, da sie vor Gottes Gericht auch für die Könige Rechenschaft abzulegen hätten. "Denn du weißt", fuhr Gelasius in seinem Brief an den Kaiser fort, "allergnädigster Sohn, daß du, obgleich an Würde über das Menschengeschlecht gesetzt, dennoch den Vorstehern der göttlichen Dinge fromm den Nacken beugst und von ihnen die Mittel deines Heils erwartest." Dabei kam für Gelasius der päpstlichen auctoritas besondere Bedeutung zu, da Gott den Bischof von Rom "als den höchsten über alle Bischöfe einsetzte." Das neue an der Aussage des Gelasius war, daß er die staatliche potestas und die bischöfliche auctoritas auf eine Ebene stellte. Die bischöfliche auctoritas wurde dabei über die geistliche Macht, die Menschen hinsichtlich ihrer Sünden binden und lösen zu können, definiert.

Die Bezeichnung "Zweischwerterlehre" rührt daher, daß Gelasius seine Darlegungen als Exegese auf (Lk 22,38 EU) formulierte. Dort heißt es über die Apostel "Sie sprachen aber: Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter. Er aber sprach zu ihnen: Es ist genug."[1] Daraus wurde gefolgert, es gäbe in der Welt zwei höchste Gewalten nebeneinander, nicht mehr und nicht weniger.

Entwicklung

Die Zweischwerterlehre definiert das Verhältnis zwischen Staat und Kirche. In der Frühphase des Investiturstreites konnte König Heinrich IV. die Zweischwerterlehre anführen, um seine im weltlichen Bereich unbeschränkte Position zu betonen. Auf päpstlicher Seite verwies man darauf, daß sich bei Lukas, die Apostel im Besitz der Schwerter befinden.

Auf den Papst zugespitzt wurde unter Verweis auf Matthäus,[2] wo Jesus Petrus anweist, sein Schwert in die Scheide zu stecken. Der Papst verfüge daher als Nachfolger des Apostels Petrus über die Schwerter, über das weltliche Schwert und das geistliche, überlasse das weltliche aber freiwillig und widerruflich dem Kaiser. Eine erste Ausformulierung dieser Interpretation findet sich im Dictatus Papae 1075, später bei Bernhard von Clairvaux.

In dieser Form wurde die Zweischwerterlehre ein bis in das 14. Jahrhundert oft wiederholtes Argument für den Vorrang der päpstlichen gegenüber der kaiserlichen Gewalt. Besondere Zuspitzung erfuhr dies durch Papst Bonifatius VIII., der 1302 in der Bulle "Unam Sanctam" nicht die tatsächliche weltliche Macht für sich forderte, wohl aber die Unterordnung der Monarchen, was in diesem Fall gegen den französischen König gerichtet war.

Das weltliche Schwert unterstünde dem geistlichen, es werde vom Papst eingesetzt und geduldet oder, anders ausgedrückt: das geistliche Schwert werde von der Kirche geführt und das weltliche für die Kirche. Darüber hinaus soll die geistliche über die weltliche Gewalt Recht sprechen, wobei sie selbst nur Gott verpflichtet ist. Da der politische Einfluß des Papstes mit dem Tod des Bonifatius endete, schwand die faktische Bedeutung der Zweischwerterlehre zum Ausgang des Mittelalters.

Das grundsätzliche Problem einer politisch tätigen Kirche und der Verbindungen zwischen Thron und Altar bestand allerdings im weiteren fort. Im Anschluss an die Zweischwerterlehre interpretierte der lutherische Protestantismus im Rückgriff auf Schriften und Aussagen Martin Luthers diese neu im Sinne einer Zwei-Reiche-Lehre.

Verweise


Einzelnachweise

  1. At illi dixerunt Domine ecce gladii duo hic at ille dixit eis satis est.
  2. Mt. 26, 52 EU